www.lesbengeschichte.de

Johanna Elberskirchen (1864-1943)



Johanna Elberskirchen um 1905, some rights reserved: Christiane Leidinger

Johanna Elberskirchen ist eine der wohl außergewöhnlichsten und dennoch fast vergessenen Figuren der deutsch(sprachig)en politischen Lesbengeschichte.


Sie wurde am 11. April 1864 in Bonn geboren. Zunächst als Buchhalterin in Rinteln in Westfalen (heute Niedersachsen) tätig, studierte sie, wie viele Frauen, denen nicht nur in Deutschland der Zugang zu den Universitäten verwehrt wurde, ab 1891 in der Schweiz: zunächst Medizin in Bern und später Jura in Zürich. Nach ihrer Rückkehr lebte sie vorwiegend in Bonn und von 1915 bis 1919 in Berlin, wo sie in der Säuglingsfürsorge arbeitete. 1920 zog sie mit ihrer Lebensgefährtin Hildegard Moniac (1891-1967) nach Rüdersdorf bei Berlin und eröffnete in ihrem gemeinsam gekauften Haus in der Luisenstraße 32 (heutige Rudolf-Breitscheid-Straße 57) eine Praxis für homöopathische Heilbehandlungen, die sie bis zu ihrem Tod führte - trotz Berufseinschränkungen durch die Nazis.


Johanna Elberskirchen erlangte überregionale und internationale Bedeutung zur damaligen Zeit als politische Aktivistin, Rednerin, Schriftstellerin. Sie publizierte und engagierte sich für viele feministische Themen: Wahlrecht, geschlechtsspezifische Erziehung und Bildung, Frauenstudium, Gewalt gegen Mädchen und Frauen, Mutterschaft und Kinderheilkunde. Sexualreformerisch und sexualwissenschaftlich setzte sie sich intensiv mit Ehe, Prostitution, Heterosexualität und Homosexualität auseinander. Insgesamt sind neben zahlreichen Aufsätzen und Zeitungsartikeln bis 1933 mindestens ein Dutzend Bücher in mehreren Auflagen von ihr erschienen - anfänglich unter dem Pseudonym Hans Carolan; außerdem gab sie eine Zeitschrift und einen Kalender heraus.


Johanna Elberskirchen war seit 1914 eine der wenigen aktiven Frauen, in der u. a. von Magnus Hirschfeld (1868-1935) gegründeten wissenschaftspolitischen Vereinigung Wissenschaftlich-humänitäres Komitee (WhK). Ende der zwanziger Jahre referierte sie für die Weltliga für Sexualreform. Ausgewiesen „rassenhygienische‚ Überlegungen waren ihr politisch fremd, sie schwamm aber durchaus mit dem eugenischen Zeitgeist.


Als aktive Feministin und offen lesbische Frau war sie eine außergewöhnliche Brückenfigur zwischen Homosexuellenbewegung und dem radikalen Flügel der Alten Frauenbewegung. Als engagierte Sozialdemokratin arbeitete sie in Bonn mit den Schwerpunkten Arbeitsschutz und Bildung der proletarischen Jugend. Regelmäßig besuchte sie in Rüdersdorf die Parteiversammlungen, und es soll keine gegeben haben, in der sie sich nicht zu Wort meldete, insbesondere um über „Frauenfragen‚ zu sprechen.


Johanna Elberskirchen starb am 17. Mai 1943 im Alter von 79 Jahren in Rüdersdorf bei Berlin. Bis zu ihrem Tod lebte sie mit zwei ihrer Schwestern, Ida und Laura und ihrer Freundin im Haus in der Luisenstraße. Die kleine schwarze Elberskirchensche Urne wurde im Juni 1975 heimlich von zwei Frauen in der Grabstätte ihrer Lebensgefährtin Hildegard Moniac auf dem Friedhof Rudolf-Breitscheidstraße in Rüdersdorf bei Berlin beigesetzt.


Am 5. Dezember 2002 beschloss die Gemeindevertretung Rüdersdorf bei Berlin einstimmig, das Grab von Hildegard Moniac/Johanna Elberskirchen auf dem Friedhof Rudolf-Breitscheid-Straße unter Schutz zu stellen.




Christiane Leidinger (Berlin 2004)


Neue Forschung:

_„Frauen erkämpfen Winterhilfe“?!
Hungerproteste in Kalkberge im Winter 1932/1933 mit oder ohne Johanna Elberskirchen und Hildegard Moniac? – Dokumentation einer Recherche (Berlin 2016)

_Johanna Elberskirchen, ihr politisches Netzwerk im Bonn-Kölner Raum und die Idee einer Frauenfriedensdemonstration zu Beginn des Jahres 1913 (Bonn 2015)

_Leidinger, Christiane: Keine Tochter aus gutem Hause - Johanna Elberskirchen (1864-1943). Konstanz: UVK 2008.

_"Johanna Elberskirchen - Aktivistin und Theoretikerin zur Emanzipation von Frauen und Homosexuellen" Buchbesprechung sowie Interviewausschnitten mit der Autorin Christiane Leidinger und Zitaten von Johanna Elberskirchen in drei zusammenhörigen Teilen - ein Audio-Beitrag von Michaela Baetz von Radio Z (Nürnberg) zum Anhören oder Download (Produktionsdatum 4.11.2008):
Teil 1: http://www.freie-radios.net/24790 (10:43 Minuten)
Teil 2: http://www.freie-radios.net/24792 (5:46 Minuten)
Teil 3: http://www.freie-radios.net/24793 (9:08 Minuten)

_Leng, Kirsten: "Sex, Science, and Fin-De-Siècle Feminism: Johanna Elberskirchen Interprets The Laws of Life." In: Journal of Women's History 25.3 (2013): 38-61.

Siehe auch http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/johanna-elberskirchen


Allgemeine Literatur
Spezielle Literatur


Zitiervorschlag:
Leidinger, Christiane: Johanna Elberskirchen (1864 -1943) [online]. Berlin 2004. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/bio_elberskirchen_d.html> [cited DATE].

Creative Commons License
This work (text and photo) is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Germany License.




Neue ausgewählte Details zu Johanna Elberskirchen (1864-1943):


__Johanna Elberskirchen hatte nicht nur vier Geschwister (drei jüngere Schwestern, einen älteren Bruder) wie bislang anhand der Bonner Meldekartei (ab 1880) nachgewiesen (vgl. Leidinger 2008: 23), sondern insgesamt eigentlich sieben.

Die neu recherchierten Elberskirchenschen Geschwister waren:

1. Ida Elberskirchen (ca. 1863- gest. 12.7.1864) [gleichnamig mit der 1866 geborenen], geb. in Deutz und mit 1, 5 Jahren gestorben in Bonn


2. Otto Elberskirchen (27.1.1867-26.10.1867), geb. und gestorben in Bonn


3. eine männliche Totgeburt am 19.8.1870, Bonn.


__Bislang konnte nur vermutet werden, dass Johanna Elberskirchen ihr Pseudonym "Hans Carolan" für Publikationen benutzte; inzwischen liegt ein Text aus dem Jahr 1887 vor, der ihr vom Stil her sehr eindeutig zugeordnet werden kann und der mit dem Namen "Hans Carolan" versehen ist. Die Roman-Rezension erschien in "Die Gesellschaft" in Leipzig.
__Einzelne Schriften von Johanna Elberskirchen wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Bekannt waren bisher: tschechisch und niederländisch (vgl. Leidinger 2008: 223f.); mittlerweile gibt es den Nachweis einer Übersetzung ins Estnische.