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Gerda M. (1923-1943): „Ich möchte so wie ich aufgefunden werde beerdigt werden“


„Ich möchte so wie ich aufgefunden werde beerdigt werden.“ Diesen Satz formulierte Gerda M. in einem ihrer Abschiedsschreiben als letzten Wunsch, und sie fügte hinzu: „Auch in allen Kleidungsstücken“.

Die junge Frau1 wurde am 26. Juli 1943 morgens in Berlin-Weißensee erschossen aufgefunden. Sie* lag „in Männerkleidung auf dem Erdboden. In der rechten Hand hielt sie noch einen Trommelrevolver, der Zeigefinger befand sich noch im Abzugsbügel. Der Revolver war noch mit 5 scharfen Patronen geladen.“ Gerda M. hatte sich, gerade mal 20 Jahre alt, durch Kopfschuss das Leben genommen.

Gerda M. wurde am 24. Februar 1923 in Berlin geboren. Sie lebte spätestens 1943 bei ihrem Onkel und ihrer Tante in deren „Laube“. Der Kontakt zu den Eltern scheint nicht sonderlich gut gewesen zu sein, denn ihre Mutter sagt gegenüber der Polizei aus, dass sie die bedrückt wirkende Tochter, die ihr einen Tag vor ihrem Suizid einen Besuch abstattete, „seit etwa 1 Jahr nicht mehr gesehen“ hatte. Vielleicht hatte es Konflikte wegen ihrer Art sich zu kleiden gegeben? Anscheinend zog sie sich am liebsten so an, wie sie auch gefunden und beerdigt werden wollte: in „Männerkleidung“. Diese ist in der im Landesarchiv Berlin überlieferten Akte nicht näher beschrieben; jedoch lässt sich daraus sicher lesen, dass Gerda M. keine Kleider oder Röcke, sondern Hosen bevorzugte, vielleicht zusätzlich eine Weste, einen Schlips, eine Clip-Krawatte oder eine Fliege trug.

In der Aussage des Onkels, der von Beruf Drahtschneider war, ist nachzulesen, Gerda M. sei „anormal lesbisch veranlagt“ gewesen. Diese Formulierung findet sich häufiger in polizeilichen Untersuchungsakten, ebenso wie der auch hier ergänzte Zusatz „und arbeitsscheu“; dies muss nicht unbedingt der ursprünglichen Wortwahl oder dem Sinn des Gesagten des Onkels entsprechen. Über ihre lesbische Lebensweise schien er keinen Zweifel zu haben, denn er gab auch an, dass die Verstorbene in den letzten drei bis vier Monaten nachts weggeblieben war und erst in den frühen Morgenstunden nach Hause kam. Ihm sei „aufgefallen dass sie seit diesem Zeitpunkt auffallend nur mit Personen weiblichen Geschlechts Umgang pflegte“. Gerda M. hatte ihre vermutlich intensiven Kontakte zu Frauen offenbar nicht verheimlicht. In den in der Akte überlieferten Briefen wird Gerda M. von ihren Freundinnen „Gerd“ genannt: Abkürzungen dieser Art waren noch aus der Zeit der blühenden Subkultur der Weimarer Republik typisch für lesbische Frauen*, ebenso wie das Tragen von als männlich konnotierter Kleidung; eine Trans*-Identität ist dennoch nicht auszuschließen.

Gerda M. scheint eine Arbeiterin gewesen zu sein, offenbar ohne formale Ausbildung. Sie* war wegen „Arbeitsvertragsbruchs“ – den Aussagen der Angehörigen und Freundinnen ist zu entnehmen, dass sie* offenbar nicht zur Arbeit gegangen war – bereits einmal bestraft worden. Zum 27. Juli 1943, also einen Tag nach ihrem Tod, wäre sie* erneut bei dem Treuhänder2 der Arbeit vorgeladen gewesen, und zwar wegen „Arbeitsvertragsbruchs" bei der Elektrizitäts-Gesellschaft Ziehl-Abegg in Berlin-Weißensee. Ihr Onkel nahm an, dass seine Nichte sich aus Angst vor der zu erwartenden neuen Bestrafung das Leben genommen habe. Diesen Grund nannten auch die vernommenen Freundinnen.

In einem Brief, der mit der Anrede „Mein lieber Gerd“ am 7. Juli 1943 von einer Frau namens „Tutti“ geschrieben wurde, erinnert die Verfasserin behutsam an ihr Angebot vom Juni desselben Jahres, die möglicherweise beim Treuhänder entstehenden Gerichtskosten zu übernehmen: „Darf ich es jetzt tun? Sei mir bitte deshalb nicht böse, aber ich will [? unleserlich] Dir so viel Gutes tun, verstehe es aber bitte nicht falsch. Unsere Liebe soll dadurch nicht … [unleserlich] werden, und ich möchte diese große Liebe ewig haben. (…) Ich habe selten einen Menschen gehabt für den ich so eine große Liebe verspürt habe. Mit vielen Grüßen und Küssen bin ich Deine Tutti.“

Gerda M. fürchtete jedoch wohl nicht nur eine Geldstrafe, sondern auch eine „Unterbringung in einem Lager“, wie der zuständige Kriminalsekretär in Berlin-Pankow am 16. August 1943 nach dem Suizid niederschreibt. Gerda M. hatte bereits vier Wochen zuvor versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Tabletten, die sie sich „in Apotheken pp zusammengekauft“ haben soll, hatten nicht zum Tod geführt. Nach der Tabletteneinnahme hatte Gerda M. mehrere Stunden krank bei der Stanzerin Gertrud K. gelegen, um sich zu erholen.

Bei „Tutti“ handelte es sich – so hat es zumindest die Polizei auf dem Brief vermerkt – um die Labor-Assistentin Erna B., zu der Gerda M. in einem ihrer Abschiedsbriefe vom 24. Juli 1943 feststellt, dass sie mit ihr „in keiner näheren Beziehung gestanden habe“, sondern sie „nur eine flüchtige Bekanntschaft“ gewesen sei: „Sollte von anderer Seite das Gegenteil behauptet werden, so erkläre ich es hiermit als eine ganz gemeine Verleumdung, und nur als ein Racheakt gegen Frau B.“ War Erna B. eine frühere Geliebte? Oder handelt es sich um eine geschickte Schutzbehauptung, um der Geliebten oder einer lesbischen Freundin nicht zu schaden?

Zwischen Erna B. und Gerda M. hatte es einige Wochen vor Gerda M.s Suizid vor der Wöhlertklause in der Wöhlertstraße Streit gegeben, weil Gerda M. ihr ein Rasiermesser entwendet hatte, das sie jedoch später zurückgab. Erna B. hatte ihr danach das Haus verboten und jeden weiteren Verkehr untersagt. Eine Freundin, die Packerin Erika D., sagt aus, Gerda M. habe zuletzt ein „Verhältnis“ mit Erna B. unterhalten. Diese jedoch bestreitet das ganz entschieden: „Irgend einen anormalen Verkehr habe ich mit der M. nicht gepflegt und bin auch nicht anormal veranlagt. Es war mir bekannt, daß die M. und auch die S. anormal veranlagte Personen waren.“ Aber auch Erna B. war davon überzeugt, dass Gerda M. sich aus Angst vor der Bestrafung das Leben genommen hatte. Die vernommenen Freundinnen gaben alle diesen Grund für die Selbsttötung an. Andere Beweggründe kommen in der Akte nicht zur Sprache. Dies mag daran liegen, dass ihr soziales Umfeld keine anderen Gründe gesehen hat; ebenso denkbar ist jedoch auch, dass die Freundinnen versuchten, von einem Grund abzulenken, der mit ihrer lesbischen Lebensweise zu tun hatte.

Bei der als „die S.“ bezeichneten Frau handelte es sich um die Schweißerin Elvira S., die scheinbar ohne Zögern erklärte, bis Anfang des Jahres ein "Verhältnis“ mit Gerda M. gepflegt zu haben. Danach sei M. mit Erna B. ein „Verhältnis" eingegangen. Die Bezeichnung „Verhältnis“, die hier in Polizeiprotokollen fällt, kann wiederum dem in dieser Zeit üblichen Polizeijargon entsprechen und muss nicht mit dem gewählten Wortlaut der Aussagenden übereinstimmen.


Eine andere Freundin, Elli D., hatte in einem der von Gerda M. hinterlassenen Briefe vom 21. Juli 1943 nachdrücklich um sie* geworben. Sie sah auch Grund zu der Annahme, dass „Gerd“ ihre Gefühle erwiderte. Da sie ein Kind zu versorgen hatte, war es für Elli D. eine „große Freude, (…) daß Du Dich nicht an dem kleinen Wolfgang störst denn bisher habe ich immer gedacht [? unklar] wegen eines Kindes würde man genau bei einer Frau wie beim Mann verstoßen sein.“ Elli D. konnte nach dem Tod von Gerda M. nicht von der Berliner Polizei vernommen werden, weil sie inzwischen kriegsbedingt nach Altentreptow evakuiert worden war. Ein Verhör erschien den Beamten offenbar nicht relevant; jedenfalls deutet in der Akte nichts darauf hin, dass sie die örtliche Polizei einschalteten.

Wie Gerda M. an den Revolver gekommen war, konnten die Beamten nicht ermitteln. Sie* hatte ihren Suizid jedenfalls sorgfältig vorbereitet: Die von ihr verfassten Abschiedsbriefe, deren Briefumschläge sie mit Adressen und Briefmarken versehen hatte, waren an ihre Eltern, ihren Onkel und ihre Tante sowie an zwei Freundinnen („Micky u. Jenny“) gerichtet. Diese beiden wohnten anscheinend zusammen, denn auf dem dazu gehörigen Umschlag steht lediglich „Frl. Marie B.“

Bei ihren Verwandten bittet Gerda M. um Verzeihung dafür, dass sie ihnen solches Leid zufüge. Es ginge aber nicht anders. Die Schuld liege ganz allein bei ihr: „Ihr wisst ja, des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich kann, und ich will nicht mehr“, schreibt sie ihrer Familie mit der Anrede „Ihr lieben Alle!"

Neben einer Notiz, dass der Fotoapparat und eine Armbanduhr Frau K. gehörten, hinterlässt Gerda M. einen Brief mit der Aufschrift „Mein letzter Wunsch“. Und auf einem einzelnen Blatt steht unter der Wiederholung der Aufschrift (wie fast alle anderen Briefe mit Bleistift geschrieben): „Ich möchte so wie ich aufgefunden werde beerdigt werden. Auch in allen Kleidungsstücken. Gerda".

Das Tragen dieser Kleidung hatte offenbar eine besondere Bedeutung für sie: Möglicherweise drückte sich darin eine Verweigerung der gesellschaftlich vorgeschriebenen Geschlechterrolle als Frau und eine lesbische Identität aus.

Es ist nicht überliefert, ob die Angehörigen diesem letzten Willen von Gerda M. nachgekommen sind.



Ingeborg Boxhammer (Bonn Juli 2016)



Quelle: „Leichensache: Selbstmord durch Erschießen" im Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 137325 (Zusammenfassung der Akte)





1 Da sich das geschlechtliche Selbstverständnis von Gerda M. nicht klären lässt, ist dem sie beschreibenden Personalpronomen stellenweise ein Sternchen beigefügt, um die eindeutige Leseweise durch das Pronomen nicht festzuschreiben.


2 „Reichstreuhänder der Arbeit" war eine am 19.5.1933 per Reichsgesetz geschaffene Instanz, die bei Unruhen in Betrieben zwischen Unternehmern und Arbeiterschaft vermitteln sollte. Insgesamt gab es 22 Treuhänder, die alle direkt dem Arbeitsministerium unterstellt waren. Siehe dazu Gerhard Werle: Justiz-Strafrecht und polizeiliche Verbrechensbekämpfung im Dritten Reich. Berlin New York: De Gruyter 1989, S. 612: Die Bekämpfung des Arbeitsvertragsbruchs wurde in erster Linie von der Gestapo durchgeführt, in leichteren Fällen durch den Reichstreuhänder der Arbeit. Staatspolizeiliche Maßnahmen waren in der Regel die Einweisung in ein Arbeitserziehungslager, in schweren Wiederholungsfällen Einweisung in ein KZ. Die Zuschreibung der Arbeitsverweigerung, die sich auch hier in der Akte findet, steht im engen Zusammenhang mit der Konstruktion der „Asozialität“. Vor diesem Hintergrund ist auch die Angst von Gerda M. vor einer Lagereinweisung zu sehen. Vgl. z.B. die Studie von Christa Schikorra am Beispiel von Ravensbrück: Kontinuitäten der Ausgrenzung. „Asoziale“ Häftlinge im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Berlin: Metropol 2001.


Zitiervorschlag:
Boxhammer, Ingeborg: Gerda M. (1923-1943): „Ich möchte so wie ich aufgefunden werde beerdigt werden“. Bonn 2015. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL http://www.lesbengeschichte.org/bio_gerda_m_d.html [cited DATE]