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Elisabeth Leithäuser (1914-2004)


Elisabeth Leithäuser um 1937 © Claudia Schoppmann


"Ich hatte mich in mein Privatleben gestürzt"


"1933 bin ich zum aktiven Widerstand gekommen. Die Kuriere kamen mit Flugblättern, wir haben auch selber Flugblätter gemacht und zu nächtlicher Stunde an Litfaßsäulen geklebt. Ich sehe uns auf irgendeinem Laubenpiepergelände in Kassel, wo gesagt wurde, 'Ich mach Flugblätter, du klebst und du guckst.'


Karl Wloch - er war Redakteur von der 'Roten Fahne', machte später drüben in Ost-Berlin eine steile Karriere - kam öfter mit Material nach Kassel und brachte es zu Genossen. Ich ging dann immer mit, und wir spielten Liebespaar, haben uns bei Gefahr sofort an die Wand gedrückt und rumgeknutscht. Doch wir flogen bald auf und wurden verhaftet.“


Als ich Elisabeth Leithäuser 1986 zu einem Gespräch besuchte, erinnerte sie sich an diese dramatischen Augenblicke ihrer Jugendzeit. 1915 wird sie als Einjährige von einer reichen Witwe aus einer alten friesischen Familie adoptiert, die in der Inflation jedoch ihr ganzes Geld verliert. Sie wächst in Kassel auf. Spannungen mit der Adoptivmutter, die an bürgerlichen Vorurteilen festhält, zeichnen sich früh ab.


"Das hat mich so böse und renitent gemacht. Auch dass meine Mutter zum Beispiel sagte, 'Wenn du erwachsen bist, lernst du einen netten jungen Mann kennen, dann laden wir ihn ein und ihr verlobt euch, und wenn ich alt bin, dann lebe ich bei euch.' Ich habe damals mit vierzehn, fünfzehn Jahren nur gewusst, das will ich nicht. Aber was ich wollte, das wusste ich noch nicht."


Mit siebzehn beginnt sie politisch aktiv zu werden: Zusammen mit ihrer Schulfreundin Margot tritt sie in den Kommunistischen Jugendverband (KJV) ein - weshalb man sie beide beim Abitur durchfallen lässt.


"Dass ich zum KJV kam, hatte sicher auch etwas mit der Opposition gegen die total verarmte großbürgerliche Scheinwelt meiner Adoptivmutter zu tun. Aber nicht nur. Sonst hätte das nicht gehalten; dann wäre ich möglicherweise auch Nationalsozialistin oder völlig unpolitisch geworden."


Wenig später entdeckt sie ihre lesbische Veranlagung: "Bisexuell zu sein habe ich stets als eine große Bevorzugung des Lebens empfunden, als eine größere Erlebnisspanne. Die Beziehungen zu Frauen haben sich immer auf einer breiteren Skala, einer differenzierteren Gefühlsebene abgespielt." Männer seien dagegen für sie in viel stärkerem Maß "Sexualobjekte" gewesen.


"Ich durfte 1932, als sie mich schon aus der Schule rausgeschmissen hatten, noch mit meiner Freundin Margot in ein Landschulheim mitkommen. Plötzlich war da etwas, was die Beziehung, die Atmosphäre zwischen uns veränderte, und zwar schlagartig. Es war in den Schlafsälen, und wir waren natürlich unendlich leise. Ebenso überwältigend wie lautlos verging diese erste Nacht. Und ich sehe uns beide noch, ganz frühmorgens, auf dem Meissner war's. Wir waren ja ganz intellektuelle Mädchen, die schon Kurse gemacht hatten über Marx, übers 'Kapital' und so weiter. Wir saßen also beide da, und entweder sie oder ich sagte, 'Was da heute Nacht war, das war ganz einwandfrei lesbisch; man weiß ja, dass das in der Pubertät häufig vorkommt.' Wir haben das ganz sachlich festgestellt: diese absonderliche Nacht würde nicht mehr wiederkommen. Aber es wiederholte sich, es wiederholte sich, es wiederholte sich. Wir haben uns fast aufgefressen.“


Um mit dieser ersten sexuellen Erfahrung fertig zu werden - „man ist ja tödlich allein mit sich in der Jugend“ - schreibt sie Tagebuch. Als sie eines Tages nach Hause kommt, sieht sie, wie ihre Mutter gerade darin liest.


„Ich habe sie so gehasst, ich hätte sie am liebsten umgebracht. Das war so ein ungeheuerlicher Vertrauensbruch! Es gab eine fürchterliche nächtliche Szene. Das war der Grund, warum ich mich dann von meiner Mutter getrennt habe. Ich weiß im Nachhinein, dass sie unendlich verzweifelt und traurig darüber war, dass ihr Wunschkind - ich war ja adoptiert - auch noch in dieser sexuellen Beziehung anders war. Sexualität war für meine Adoptivmutter ohnehin etwas, was sie völlig ausklammerte. Ich hab mich vorher schon nicht wohlgefühlt, und wir hatten jede Menge Differenzen, auch aus anderen Gründen. Sie hat mir oft und schon sehr früh, ich muss etwa drei oder vier gewesen sein, gesagt, 'Wenn du nicht ganz lieb und brav bist, dann verstoße ich dich!' Das hat mich von klein auf geprägt, und mir wurde klar, dass ich nur zwei Wege gehen konnte: Entweder mich immer an jemandem hochzuranken, damit mir nichts passiert, oder mich völlig nur auf mich zu verlassen und auf mich zu beziehen, alles allein und selbständig zu machen. Das habe ich getan, aber natürlich muss man dafür bezahlen. Menschlich bezahlen.


Meine Mutter sah selber ein, dass wir nicht mehr unter einem Dach leben konnten, und dann bin ich ausgezogen. Da war die Geschichte mit meiner Freundin aber schon längst vorbei. Unsere Freundin Ruth hatte das alles kopfschüttelnd miterlebt und sah, dass das mit uns auseinander ging, denn Margot hatte ihre erste Beziehung zu einem Mann und ist dann hetero geblieben. Da kamen aber schon Gestapo und die Untersuchungshaft. Ruth, Margot und ich sind zweimal kurz in Untersuchungshaft gewesen. Das hat sich mir so eingeprägt. Als wir wieder mal auf ein Verhör warteten, wurden drei oder vier Genossen aus unserem Jugendverband an uns vorbeigeführt, blutig geschlagen, um uns einzuschüchtern.“


Im März 1934 findet der Prozess gegen zwei Dutzend Mitglieder des KJV in Hessen, darunter auch Elisabeth Leithäuser und ihre beiden Freundinnen, wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat statt.


„Im Prozess hat der Gestapo-Kommissar, der für uns zuständig war, aufrechten Hauptes zu unseren Gunsten einen Meineid geschworen. Wir sind deshalb glimpflich davongekommen, wurden freigesprochen. Ich bekam ein Aufenthaltsverbot für Kassel. Wir haben nach 1945 versucht, den Kommissar zu finden, um ihm zu helfen, haben aber nur erfahren, dass er ursprünglich vom Heiratsschwindler-Dezernat in Köln kam; dann hat man ihn offenbar zur Gestapo gepresst.“


Einer der Hauptangeklagten des Prozesses, Willi Belz, hat die Widerstandsaktionen der Kasseler Jugendlichen ausführlich in seinem Buch „Die Standhaften“ dargestellt.


Mit achtzehn Jahren zieht Elisabeth Leithäuser zu Hause aus und wohnt dann bei ihrer Freundin Ruth und deren Vater. Kurz darauf, 1933, beginnt eine Beziehung zu einem zwanzig Jahre älteren Mann, und sie zieht zu ihm nach Frankfurt.


„Ich fand es merkwürdig, dass Anton so furchtbar heftig reagierte, als ich einmal mit ihm auf der Kaiserstraße in Frankfurt war und dort eine sehr attraktive Frau sah. Ich sagte zu ihm, 'Guck mal, wie die aussieht!' und drehte mich wahrscheinlich auch noch nach ihr um. Da waren bei ihm sofort die Antennen raus. Er hat mir später gesagt, er habe damals überlegt, ob er mich nicht bitten soll, nach Kassel zurückzugehen, denn er hatte schon einmal eine Frau an eine andere verloren, und das wollte er nicht noch einmal erleben. Und dann hat er's doch noch einmal erlebt, fürchterlich war es, ganz schrecklich. Das ist mir mein Leben lang begegnet, dass Männer es nicht ertragen können, wenn die Frau eine Beziehung zu einer andern hat. Eine ernsthafte, nicht nur so eine hübsche Bettgeschichte, wo man zu dritt was machen kann. Wenn es ernsthaft ist, sind sie im Tiefsten gekränkt; tiefer, als wenn sie die Freundin an einen andern Mann verlieren.


Ich war damals gezwungen, eine Abtreibung zu machen, weil Anton noch verheiratet war, und ich war erst neunzehn. Es war alles äußerst schwierig. Abtreibungen sind etwas Entsetzliches. Ich bin wirklich kein Muttertier, aber es ist so, als wenn einem ein Stück aus der Seele rausgekratzt würde. Es ging mir nach dieser Abtreibung ganz furchtbar schlecht, ich habe nur noch mit Schlafmitteln gelebt. Die Beziehung zu dem Mann war sehr gestört, und er immer mit seinen leidenschaftlichen Forderungen!“


Gleichzeitig beginnt 1933/34 auch ihre erste intensive Beziehung zu einer Frau. Die sieben Jahre ältere Elga ist Apothekerin, und in ihrer Apotheke lernen sich beide Frauen auch kennen.


„Elga hatte bereits eine wichtige Frauenbeziehung gehabt. Als ich sie kennen lernte, war sie mit einem werdenden Apotheker liiert, doch das ging dann meinetwegen auseinander. Zwischen uns war eine ganz starke menschliche Anziehung. Die wichtigen Beziehungen gingen bei mir ohnehin eher um menschliche Vertrautheit, Nähe, Sympathie. Ich wollte mit den Frauen nicht nur im Bett liegen, ich hatte schon einen intellektuellen Anspruch. Ich hatte mich ja mit Marxismus beschäftigt und damals noch die ganzen großen Autoren gelesen, die nachher alle verboten wurden. Im Gegensatz zu Anton war Elga einfach für mich da, nicht dienend, passiv oder hörig wie er, keineswegs. Die ganz natürliche Vertrautheit - ich bin eine Frau, sie ist eine Frau - ist auf jeden Fall eine gemeinsame Basis, die den Umgang miteinander müheloser macht, und das ist mein Leben lang so geblieben! So entstand diese erste längere Beziehung.


Für Elga und mich begannen furchtbar schwere Jahre, weil Anton das nicht mitgemacht hat. Er ist an den Rand seiner inneren Existenz geraten. Er war außerordentlich begabt, ich verdanke ihm sehr viel, und das machte die Sache sehr viel schwieriger als bei so einem dummen Macho, der nur Hormone im Gehirn hat und ansonsten völlig hinüber ist.


Elga hat unter meiner gleichzeitigen Beziehung zu ihm - wir wohnten zusammen - gelitten, hat es hingenommen und geweint. Ich bekam dann 1937 doch ein Kind von ihm. Ich hätte es zwar auch abtreiben können, aber das wollte ich nicht. Als es auf die Welt kam, habe ich mich von Anton getrennt, denn all meine Abneigung gegen seine Hysterie und die lauten, fürchterlichen Szenen, die er uns gemacht hat, Pässe zerreißen und all so was, hab ich auf das Kind übertragen. Drum ließ ich es drei Jahre in dem privaten Kinderheim, wo ich es auch zur Welt gebracht hatte. Dann habe ich es zu mir und meiner Freundin geholt. Nach zwei Jahren kamen die Fliegerangriffe auf Berlin, und von 1943 bis 1945 gaben wir sie zu anthroposophischen Freunden auf ein Gut im Schwarzwald. Das habe ich nie wieder gutmachen können, diese ersten Jahre ohne mich.“


Im Frühjahr 1938 geht Elisabeth Leithäuser endgültig nach Berlin, wo Elga bereits seit einiger Zeit lebt und arbeitet. Sie beziehen zunächst bei zwei Frauen eine möblierte Wohnung in Wannsee, am Stadtrand von Berlin.

„Sie waren wohl auch ein Paar, aber über die Privatsphäre wurde nicht gesprochen. Wir waren damals natürlich sehr diskret, aber wiederum nicht so versteckt, und für erfahrenere Blicke sehr miteinander verbunden. Keine acht Tage waren wir in dieser Wohnung in Wannsee, da kamen wir aus der Stadt nach Hause, und die Wohnung war durchwühlt, weil die Gestapo dagewesen war. Ich war ja durch den Prozess bekannt und wurde während der Nazi-Zeit mehrmals zur Gestapo vorgeladen. Ich wurde dahin bestellt, hatte irrsinnige Ängste. Ich erinnere mich daran, wie in der Burgstraße, wo auch eine Gestapostelle war, dieser vernehmende Mensch versucht hat, mich dazu zu bringen, Spitzelarbeit zu leisten. Er sagte, 'Sicher, Sie haben das Aufenthaltsverbot für Kassel, aber das kann man ja auch wieder lockern. Sie haben doch Ihre beiden Freundinnen noch dort. Darüber könnten wir doch vielleicht reden?' Eine meiner Freundinnen ging 1942/43 erneut in eine Widerstandsgruppe und bekam die entsprechenden Schwierigkeiten. Ich sagte, 'Wissen Sie, der Kommunismus ist eine solche Jugendsünde von mir gewesen, ich habe mich so völlig davon abgekehrt, dass ich meine Beziehung zu meinen beiden Freundinnen abgebrochen habe.' Er sagte, 'Wir kennen Ihr Privatleben, Sie, und nicht nur Sie ... Wir haben eine Liste von diesen Frauen ...' Ob er damals 'Lesbierinnen' sagte? Ich glaube. Ich weiß, dass mich das sehr erschreckte. Auf den Vorwurf, lesbisch zu sein, bin ich nicht eingegangen. Er hat es gesagt, und ich habe geschwiegen. Das war das Gescheiteste, was ich machen konnte. Ich wohnte ja mit Elga in einer Wohnung und war damals auch noch nicht verheiratet. Die Gestapo war in diesen zwölf Jahren immer da, auch wenn wir relativ unbehelligt lebten. Sie hätte jeden Augenblick wieder da sein können.“


Bald darauf ziehen beide Frauen in einen Neubau im Bezirk Charlottenburg, „schon mit Luftschutzkeller, weil die Nazis ja den Krieg vorbereiteten. Was die Intimsphäre angeht, hatten wir in dem Haus nicht die geringsten Schwierigkeiten. Überhaupt hatten wir dadurch keine Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, ob's was mit dem sozialen Status zu tun hatte, mit der materiellen Sicherheit, dass man anders auftrat? Oder wie es gewesen wäre, wenn wir ganz arm gewesen wären oder in einem Arbeiterhaus gelebt hätten, weil da die Männer ihren Aggressionen eher nachgehen? Der Mietvertrag ging nur auf ihren Namen, weil sie ein gehobenes Einkommen hatte. Wir waren beide unverheiratet damals; sie hat sich auch nicht etwa mit einem Verlobten oder einer in Aussicht stehenden Ehe geschmückt. Wir zahlten unsere Miete, sahen anständig aus und benahmen uns anständig. Als die Apotheke in Schutt und Asche aufzugehen drohte, hat meine Freundin, die zufällig Nachtdienst hatte, ungeheuer gelöscht und geholfen und hat eine Auszeichnung bekommen. Wegen der politischen Unsicherheiten durch mich waren wir sehr froh, dass wir das hatten. Wir haben es bei der Tür aufgehängt, damit der Blockwart das sofort sah, wenn er draußen stand.“


Seit ihrer Freilassung 1934 lebte Elisabeth Leithäuser von Gelegenheitsjobs und der Unterstützung ihrer Freundin. Von Anton, der Funkschriftsteller war und ihretwegen auch ein Arbeitsverbot bei Radio Saarbrücken bekam, hatte sie das „Rundfunkhandwerk“ gelernt.


„Als ich nach Berlin kam, hätte ich ohne weiteres zum Reichsrundfunk gekonnt, wo sie junge, begabte, schreibende Frauen oder auch Reporterinnen dringend suchten, und begabt fürs Schreiben war ich schon immer. Das hab ich nicht gemacht, ich hab's nicht gewollt. Meine Freundin fand es auch völlig richtig, dass ich mich nicht um den Reichsrundfunk bemühte. In den zwölf Jahren der Arbeitslosigkeit habe ich überhaupt keine Zugeständnisse gemacht. Ich habe gejobbt, habe als Sekretärin auf stundenweiser Basis gearbeitet, weil ich unter keinen Umständen fest angestellt sein wollte.


Mit meinen drei Arbeitgebern habe ich sehr viel Glück gehabt. Ich hatte selber inseriert. Der letzte war heilfroh, dass er jemanden hatte, der kein Nazi war, weil er selber Kontakte zu Widerstandskreisen hatte und Repräsentant eines geopolitischen Verlags war. In der Korrespondenz, die ich damals geschrieben habe, waren die ganzen großen Namen drin, Canaris, von Trott zu Solz und andere. Dann hatte ich noch einen andern Chef, der sich auch freute, dass er keine Nazifrau bekam. Ihm habe ich übrigens meine Geschichte erzählt; man spürte einfach, wo man's sagen kann. Man entwickelte zusätzliche Sinne, Instinkte, es ist entweder Gestapo, oder aber es sind Menschen, mit denen man sprechen konnte, ich hab mich da auch nie geirrt. Natürlich war man vorsichtig. Ich hatte mich nach dem Prozess in mein Privatleben gestürzt und politisch auch wirklich nichts mehr gemacht. Im Herbst 1944 hätte ich Anschluss an eine Widerstandsgruppe finden können, die von Hermann Henselmann ausging, ein guter Architekt, der vom Bauhaus stammte und der später diese fürchterliche Stalin-Allee in Ost-Berlin gebaut hat. In diese Gruppe hätte ich gehen können, aber ich hatte Angst. Angst, wieder verhört zu werden, Angst, wieder ins Gefängnis zu kommen. Aber dass ich's nicht gemacht habe, ist etwas, was ich mir bis heute nicht verzeihe. Ich kann nicht sagen, dass ich damals immer unter Angst gelebt habe, aber ich war immer wachsam; nicht ohne Grund, mein Telefon wurde überwacht.“


Trotzdem lässt sich Elisabeth Leithäuser nicht davon abhalten, in die Leibniz-Klause, einen der noch bestehenden lesbischen Treffpunkte zu gehen. Im Nachhinein vermutet sie, dass die Gestapo von dem Lokal gewusst hat.


„Es gab in der Nazi-Zeit - es war, glaube ich, bereits Krieg - ein Frauenlokal, die Leibniz-Klause; das Lokal existiert heute noch. In größeren Abständen bin ich dort hingegangen. Es wurde von Roy gemacht, einer Frau mit kurzen blonden Haaren. Roy war völlig eindeutig. Es war ein Lesbenlokal, das war ganz klar. Es stand nicht draußen dran, aber es hatte sich natürlich rumgesprochen. Es war ein kleines, ruhiges Lokal. Dort habe ich mal eine Frau aufgetan, eine kleine drahtige Person mit kurzen Haaren, die einen langen, grauen Ledermantel trug und die ganz offen sagte, dass sie bei der Gestapo arbeitete. Das hat für mich einen Reiz ausgemacht, einen bösen Reiz. Ich war mit der Frau zwei- oder dreimal zusammen, hab natürlich nichts von mir erzählt. Möglich wäre es, dass die Gestapo von dem Lokal gewusst, es geduldet hat. Ich hab ja auch dort diese Frau von der Gestapo kennen gelernt. Vielleicht sagte man sich, wir wollen die einfach im Auge behalten, und vielleicht kam auch daher die Sache mit der Liste, von der der Gestapo-Mann gesprochen hatte.“


1944 trennen Elisabeth Leithäuser und Elga sich im Guten. Elga zieht zu ihrer neuen Partnerin in die Nähe von Potsdam, und Elisabeth Leithäuser lebt nun mit Brigitte zusammen, die in der Giesebrechtstraße eine große Wohnung hat. Im April 1945 habe sie Brigitte verlassen - „obwohl wir uns völlig darauf eingestellt hatten, den Zusammenbruch gemeinsam zu überleben. Brigitte und ich hatten auch überlegt, wie wir uns bei Vergewaltigungen verhalten würden. Aber ich hab sie im Stich gelassen. Denn plötzlich stand Conrad, einer meiner Männer, vor der Tür, und wir haben beide gedacht, dies ist eine Fügung Gottes. Völlig unter Beschuss, an Leichen vorbei, haben wir im April 1945 aus einer Kriegspsychose geheiratet, aber es ging nicht, ich bin wirklich nach vierzehn Tagen zu Brigitte zurück. Doch davon hat sich unsere Beziehung nie erholt. Es war einzig und allein meine Schuld, so etwas darf man nicht tun. Das gehört zu den wenigen Dingen, die ich mir nie verzeihen kann.“


Der 8. Mai 1945, der Tag des Kriegsendes, wird für Elisabeth Leithäuser zum glücklichsten Tag ihres Lebens. Sie wird schnell Redakteurin beim russisch lizensierten Berliner Rundfunk, später beim amerikanisch lizensierten Sender RIAS, macht Öffentlichkeitsarbeit bei der Presse und ist Mitarbeiterin bei Berliner und westdeutschen Zeitungen. Mit siebenundfünfzig Jahren wechselt sie jedoch den Beruf und leitet ein Haus zur Rehabilitation von psychisch Kranken. (Die Voraussetzungen dazu hatte sie sich in den zwölf Jahren Nazizeit durch Vorlesungen in der Universität erworben.) Mit der Autonomen Frauenbewegung, in der sie sehr engagiert war, begann ihr „drittes Leben“. Elisabeth Leithäuser verstarb im Juli 2004.



© Claudia Schoppmann (Berlin 2005)


Text und Foto (1937) aus Claudia Schoppmann: Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im "Dritten Reich". Berlin: Orlanda Frauenverlag 1993
Online-Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.


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Zitiervorschlag:
Schoppmann, Claudia:
Elisabeth Leithäuser (1914-2004) [online]. Berlin 1993. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/bio_leithaeuser_d.html> [cited DATE]. Also available in print version: Schoppmann, Claudia. Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im "Dritten Reich". Berlin: Orlanda Frauenverlag 1993.