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Johanna Moosdorf (1911-2000)


Meine erste Begegnung mit Johanna Moosdorf datiert 1980: Als ich in der Redaktion der Szenenzeitschrift „Lesbenfront“ arbeitete, entdeckte ich in einer früheren Nummer eine Besprechung des Romans „Die Freundinnen“ von Johanna Moosdorf. Doch das Buch, welches 1977 erschienen war, war bereits vergriffen. Erst drei Jahre später fiel es mir in einem Antiquariat in die Hände und die Lektüre fesselte mich.


Johanna Moosdorf hat mit „Die Freundinnen“ den ersten deutschsprachigen Roman nach 1945 geschrieben, in dem eine lesbische Frau in ihrem Lebenszusammenhang und damit lesbische Liebe als grundsätzlich selbstverständlich lebbar dargestellt wird.


Johanna Moosdorf ist am 12. Juli 1911 in Leipzig geboren in einem Elternhaus, in dem Literatur wichtig war. Ihr Vater war Buchdrucker. Sie besuchte die höhere Mädchenschule, war Helferin bei den sozialistischen Kinderfreunden. Zwischen Malerei und Literatur schwankend, beschloss sie, Schriftstellerin zu werden und zog nach Berlin, wo sie schrieb und Privatstudien betrieb.


Bald lernte sie in der Jugendbildung der Gewerkschaft den Dozenten Paul Bernstein kennen, den sie 1932 heiratete. 1935 und 1937 kamen die beiden Wunschkinder Barbara und Thomas zur Welt. Paul Bernstein konnte, da er als Jude zu dieser Zeit bereits Arbeitsverbot hatte, nur noch Hilfsarbeiten machen und bereitete sich mit dem Erlernen eines Handwerks auf die Auswanderung vor. Damit Johanna Moosdorf eine Arbeit finden und für die Kinder und sich selbst aufkommen konnte, ließen sie sich scheiden. 1943/44 wurde Paul Bernstein verhaftet und im KZ Auschwitz umgebracht. Johanna Moosdorf flüchtete mit den Kindern in die Tschechoslowakei.


Von 1945 bis 1950 lebte Moosdorf zusammen mit den Kindern und mit ihrer Freundin Grete Ebert in Leipzig. Johanna Moosdorf arbeitete in der Literaturzeitschrift „März“ und ihre Freundin Grete Ebert als Redaktorin bei der „Leipziger Zeitung“. Als Moosdorf politisch gewarnt wurde, zog 1950 Moosdorf mit ihren beiden Kindern nach West-Berlin, wo sie bis zum 21. Juni 2000 als freie Schriftstellerin lebte.


Johanna Moosdorf hat verschiedene renommierte Literaturpreise erhalten, allen voran den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund im Jahr 1962 - als erste Preisträgerin nach der Namensgeberin Nelly Sachs.


Gleichwohl ist Johanna Moosdorf nicht allgemein bekannt geworden, auch bei literarisch interessierten ZeitgenossInnen nicht.


© Madeleine Marti (Zürich 7/2006)


Zitiervorschlag:
Marti, Madeleine: Johanna Moosdorf (1911-2000) [online]. Zürich 2006. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/bio_moosdorf_d.html> [cited DATE].