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"Finden sie mich oder finden sie mich nicht"
Gertrude Sandmann (1893-1981)


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22. November 1943. In Berlin beginnt der verheerendste Luftangriff seit Kriegsbeginn. Zwei Stunden lang werfen über sechshundert britische und kanadische Flugzeuge Tausende von Spreng- und Brandbomben auf die nächtliche Reichshauptstadt. Gertrude Sandmann sitzt in ihrem Versteck, hält den Atem an und hofft, dass die Bomben sie nicht treffen. Gleichzeitig bringt sie jeder der nun immer häufiger werdenden Angriffe der ersehnten Befreiung näher, so makaber das auch klingt. Offiziell gibt es Gertrude Sandmann gar nicht mehr, haben die Nazis doch im Mai 1943 Berlin - wider besseren Wissens freilich - für "judenfrei" erklärt. Ein Anliegen, das Propagandaminister Goebbels, in seiner Eigenschaft als "Gauleiter" von Berlin, besonders am Herzen lag. Doch Gertrude Sandmann, deren "Verbrechen" einzig und allein darin besteht, jüdischer Abstammung zu sein, lebt. Besser gesagt, sie fristet ihr Dasein. Ihrem wichtigsten Lebensinhalt, ihrer Kunst, kann die passionierte Malerin schon lange nicht mehr nachgehen; es geht ums nackte Überleben. Eine befreundete "arische" Familie hat sie aufgenommen, und so lebt sie seit einem Jahr illegal in deren Wohnung in Berlin-Treptow. In dieser Nacht hat sie noch einmal Glück gehabt: Ihr Unterschlupf wurde nicht getroffen, die alliierten Bomber drehen ab und bald heult die Entwarnung. Plötzlich poltern jedoch Schritte vor der Tür - der Luftschutzwart macht seinen Kontrollgang durch die Wohnungen. Es bleibt der zierlichen Frau nichts anderes übrig, als sich schnell in einem Schreibtisch zu verstecken und zu hoffen, dass kein plötzlicher Hustenanfall sie verrät. "Finden sie mich oder finden sie mich nicht", lautet Gertrude Sandmanns bange Frage bis Kriegsende immer wieder.

In einem von Zeichnungen überquellenden Atelier steht eine weißhaarige alte Dame im Malerkittel vor einer Staffelei. Vor sich ein fast vollendetes Portrait einer Frau mit Hut. Sie prüft es mit kritischem Blick und setzt zu ein paar letzten Strichen an: So zeigt ein Foto aus den sechziger Jahren Gertrude Sandmann bei der Arbeit - zwanzig Jahre nach ihrem Untergrunddasein und dem Berufsverbot durch die Nazis. In rund sechzig Jahren schuf sie mit ungeheurem Arbeitseifer ein Oeuvre, das weit über tausend Arbeiten umfasst. (Eine genaue Zahl lässt sich nicht feststellen, da kein Werkverzeichnis existiert und vieles durch den Krieg zerstört wurde.) Erprobt und erfahren in vielen Techniken, zeichnete sie meist mit Kreide oder Kohle, malte aber auch Aquarelle und Pastelle. Ihr kam es hauptsächlich immer auf die Form an, die Farbe war Zutat. Mit wenigen künstlerischen Mitteln versuchte sie das Wesentliche, das Charakteristische einer Erscheinung festzuhalten; sie arbeitete mit Auslassungen, die die Phantasie, das Mit-Sehen, anregen sollten. Die "unscheinbare Schönheit" des Alltags, die sie in einer schlafenden Frau oder einer aufgeplatzten Kastanie entdeckte, wollte sie durch ihre Zeichnungen auch anderen sichtbar machen. Gertrude Sandmanns Bilder sind in erster Linie das Ergebnis ihrer Freude am Sehen, nicht Mittel sozialer Anklage, wie dies bei ihrem "bewunderten Vorbild" Käthe Kollwitz häufig der Fall war.

Warum Gertrude den Entschluss fasste, Malerin zu werden, wissen wir nicht. Über ihre Kindheit und Jugend ist nur wenig bekannt. Sie wächst im vornehmen Berliner Bezirk Tiergarten in einer assimilierten jüdischen Familie auf. Der Vater, David Sandmann, hatte es als Plantagenbesitzer in Ostafrika und als Spirituosenfabrikant zu einigem Vermögen und als Handelsrichter und Bürgerdeputierter zu Ansehen gebracht. Schon bald nach dem Abitur 1913 beginnt Gertrude Sandmann eine Ausbildung an der Kunstschule des "Vereins der Berliner Künstlerinnen" bei Martin Brandenburg. "Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wurde an der Berliner Hochschule für bildende Künste (damals 'Akademie' genannt) keine Frau als Schülerin zugelassen, ganz gleich, wie begabt sie war", schreibt Gertrude Sandmann im Rückblick auf die Hindernisse, mit denen Künstlerinnen damals konfrontiert waren. "Die Folge: emanzipierte Frauen gründeten den 'Verein Berliner Künstlerinnen', der Malerinnen, Graphikerinnen und Bildhauerinnen ausbildete und Ausstellungen machte."1 Mit diesem 1867 gegründeten Verein wurde die Ausbildung der professionellen bildenden Künstlerin erstmals institutionalisiert. Zu den 1200 Mitgliedern dieses renommierten - übrigens heute noch bestehenden - Vereins gehörten Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, Reneé Sintenis, Jeanne Mammen und Hannah Höch.

Weitere Lehr- und Arbeitsstationen im In- und Ausland folgen: Zwischen 1917 und 1921 studiert Gertrude Sandmann in München bei Otto Kopp (Freie Sezession), und 1922 nimmt sie in Berlin Privatunterricht bei Käthe Kollwitz, die ihre Schülerin als eine "sehr ernsthaft arbeitende, beachtenswerte Künstlerin" beurteilt, deren Weiterentwicklung sie mit Interesse entgegensehe. Tatsächlich bleiben beide Frauen bis zum Tod Käthe Kollwitz' 1945 freundschaftlich verbunden. Ab Mitte der zwanziger Jahre lebt und arbeitet Gertrude Sandmann als freischaffende Künstlerin längere Zeit in Paris und Italien, beteiligt sich an mehreren Berliner Kunstausstellungen und illustriert zum Broterwerb auch Zeitschriften.

"Wann wird endlich ein Kunstwerk nur danach beurteilt, ob es gut oder nicht gut ist, unabhängig vom Geschlecht des Künstlers." Diese in den siebziger Jahren geäußerte Kritik Gertrude Sandmanns an der häufig abfälligen Beurteilung sogenannter "Frauenkunst" war in den zwanziger Jahren nicht weniger zutreffender. Die anhaltende berufliche und soziale Benachteiligung von Künstlerinnen machte allerdings eine separate Organisierung von Frauen notwendig, und so schloss sie sich der 1926 gegründeten GEDOK an, der deutsch-österreichischen "Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfreunde", der sie auch nach deren Neugründung in den sechziger Jahren wieder angehörte. Über die Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und über ihr eigenes Selbstverständnis hat sie sich - in einer für die siebziger Jahre keineswegs selbstverständlichen Offenheit - folgendermaßen geäußert:

"Erforderlich oder zumindest günstig ist es für eine Künstlerin, nicht in einer Verbindung zu leben, die Ansprüche im Sinne der patriarchalischen Rollenverteilung an sie stellt, sondern in einer Bindung, die ihre Arbeit nicht hindert, ihre Entwicklung nicht hemmt, also eine Verbindung, die viel Gegenseitig-Kameradschaftliches enthält. Darum erscheint es mir als ein Glück, wenn man als Künstlerin Lesbierin ist und sich auch wie ich ohne Schuldgefühle dazu bekennen kann. [...] Homosexuell zu sein, ist nicht nur eine Sexualvariante, sondern eine sich durch diese Veranlagung ergebende andere Einstellung auf vielen Gebieten. Ebenso wie Käthe Kollwitz erscheint es mir als fast notwendige Vorbedingung, dass der Künstler nicht einheitlich Mann oder Frau ist, sondern deutlich beides, Aktives und Passives, in sich vereint, wenn er das vielleicht auch nicht auslebt. Es ist so, dass die Wesensart des Künstlers homosexuell oder zumindest bisexuell ist."2

Schon die wenigen erhaltenen Arbeiten aus ihrer frühen Periode - die erste überlieferte Zeichnung stammt von 1918 - weisen zwei Charakteristika auf: erstens eine Vorliebe für die Zeichnung, die für sie kein Provisorium, keine Vorarbeit zu einem Bild in anderer Technik, sondern ein in sich geschlossenes, authentisches Kunstwerk ist. Zweitens hat Gertrude Sandmann überwiegend Frauen gezeichnet. Aus der Zeit um 1925 etwa sind mehrere Akte von Frauenpaaren erhalten. Beeindruckend, mit welch sparsamen Mitteln, wenigen kraftvollen Strichen, Gertrude Sandmann das Wesentliche erfassen und eine erotische Atmosphäre schaffen konnte! "Ich zeichne Frauen, die natürliche Bewegungen haben, die ausdrücken, was sie fühlen, sagte sie einmal über ihre Motive, "und [ich] zeichne Gesichter, die keine Masken sind oder nur Masken, durch die ich hindurchsehen kann - also Menschen, die erlebten und erlitten - viele Arten von Menschen. Nur Frauen zeichne ich, weil sie mir näher sind als Männer, da ich ihr Wesen und ihre Körperlichkeit durch mein eignes Frau-Sein nachfühlen kann."3

Wohl früh schon entdeckte Gertrude Sandmann, dass Frauen ihr "näher sind als Männer". Zu Beginn des Ersten Weltkrieges ist sie mit Lilly zu Klampen liiert, einer Freundin aus den Schultagen, die 1929 den Soroptimistenclub gründete, dem berufstätige Frauen und Künstlerinnen wie Tilla Durieux, Jeanne Mammen und die Schriftstellerin Tami Oelfken angehörten. Ob diese oder eine andere Frauenbeziehung den Unwillen der Eltern erregt hat, auf deren finanzielle Unterstützung Gertrude Sandmann angewiesen ist? Um den familiären Anforderungen Genüge zu leisten, geht sie 1915 eine Proforma-Ehe mit dem Arzt Hans Rosenberg ein, die jedoch bald wieder geschieden wird.

Lesbische Frauen hätten in der Weimarer Republik "viel größere Schwierigkeiten als heute [gehabt], wenn sie wesensgemäß und nicht getarnt leben wollten: schärfere Widerstände, Auseinandersetzungen und Zwangsmassnahmen in der Familie, notwendige Tarnung in den meisten Berufen etc.", schreibt sie 1976 in einem Rückblick auf diese bewegte Zeit. Und sie warnt davor, diese Jahre "in verfehlter Nostalgie" die "goldenen" zu nennen, "weil man nicht an das Elend der Kriegsversehrten und -hinterbliebenen, nicht an die Inflation und Arbeitslosigkeit denkt, von der auch die Frauen schwer betroffen wurden, sondern nur an die großen künstlerischen Leistungen in dieser Zeit, nur an die schäumende Lebensfreude, die Reaktion auf den jahrelangen seelischen Druck des Krieges, nur an die Lockerung der Sex-Tabus - endlich streifte man die viktorianische Moral ab."4

Die zunehmende Bedrohung der demokratischen Weimarer Republik dürfte Gertrude Sandmann, die in ihrer Münchner Studienzeit Mitglied der linken Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) war, weil sie als einzige Partei gegen den Krieg stimmte, mit Sorge beobachtet haben. Frühzeitig erkennt sie, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten nichts Gutes verheißen kann und geht in die Schweiz. 1934 muss sie jedoch nach Deutschland zurückkehren, da ihr die Schweiz keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis mehr gewährt. Im selben Jahr wird sie wegen "nichtarischer" Abstammung aus ihrer Berufsorganisation, dem Reichsverband bildender Künstler ausgeschlossen. Dass sie seit 1926 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten und seitdem konfessionslos war, interessierte die Nazis in ihrem Rassenwahn freilich nicht. Im Jahr darauf, im April 1935, folgt das endgültige berufliche Aus durch den Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, Hönig. Die Reichskammer gehörte zu der Goebbels unterstehenden Reichskulturkammer, und die Mitgliedschaft in der entsprechenden Unterorganisation war Voraussetzung für künstlerische Arbeit im "Dritten Reich". Als unzuverlässig oder ungeeignet erachtete Mitglieder wurden ausgeschlossen beziehungsweise gar nicht erst aufgenommen. Dazu gehörten neben Juden und "Judenmischlingen", politisch Unzuverlässigen und "geistig Minderwertigen" auch Homosexuelle.

Da sie "Nichtarier" sei und "als solcher die für die Schaffung deutschen Kulturgutes erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung" nicht besitze, lehnt Hönig ihre Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste ab - ein Gesuch, das Gertrude Sandmann freilich gar nicht gestellt hatte. Die Ausschlüsse wurden vielmehr anhand der beruflichen Registrierungen allen "nichtarischen" KünstlerInnen automatisch zugesandt. Hönig verbietet ihr gleichzeitig "die weitere Berufsausübung als Maler und Graphiker", das heißt sie kann nun nicht mehr unterrichten, ausstellen oder verkaufen. In den folgenden Jahren ist sie deshalb um so mehr auf das Vermögen des 1917 verstorbenen Vaters angewiesen.

So gut es unter diesen Umständen und bei knapp werdenden Materialien eben geht, zeichnet Gertrude Sandmann trotzdem in aller Heimlichkeit weiter. Zeitschriftenphotos müssen nun als Vorlage dienen. Von den wenigen aus dem "Dritten Reich" erhaltenen Arbeiten zeigen Bilder mit Titeln wie "Die Kauernde" oder "Die Emigrantin" die künstlerische Auseinandersetzung mit dieser Zeit. Dass sie von Staats wegen wie eine Verbrecherin behandelt, dass ihre Kunst als "entartet" verboten wird, gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die sie im Nationalsozialismus erleiden muss.

Ihre Schwester Vera Mastrangelo, die durch ihre Heirat italienische Staatsangehörige ist, lässt 1939 das elterliche Haus Am Karlsbad 11 auf ihren Namen überschreiben, um die Familie vor der "Arisierung", wie die Enteignung "jüdischen Besitzes" von den Nazis umschrieben wurde, zu bewahren. Ein kluger Schachzug, der allerdings nicht verhindern kann, dass das Haus 1944 bei einem Luftangriff zerstört wird. Doch bis 1942 bietet es Gertrude Sandmann und ihrer Mutter Ella Unterschlupf.

Noch einmal entschließt sie sich zur Flucht. Tatsächlich gelingt es ihr im Sommer 1939 durch die Vermittlung eines englischen Kunsthändlers, eines der raren Visa für England, wohin inzwischen auch der befreundeten Schriftstellerin Ann K. Hartwin die Flucht geglückt ist, zu ergattern. Doch sie bringt es nicht übers Herz, ihre inzwischen schwerkranke Mutter in Berlin allein zurückzulassen. Im September 1939 beginnt Deutschland den Zweiten Weltkrieg, im Monat darauf stirbt Gertrudes Mutter, und danach kann sie mit ihrem englischen Visum nichts mehr anfangen.

Obwohl der antijüdische Terror von Anfang an auch den Zweck hatte, die Auswanderung zu forcieren, machten zahlreiche Bestimmungen ebendiese Ausreise zunehmend schwieriger; die restriktive Asylpolitik der meisten in Frage kommenden Fluchtländer tat ein übriges. Eine Emigration war nach Kriegsbeginn kaum noch möglich, und bald schnappte die Falle endgültig zu: Das ab Oktober 1941 herrschende Ausreiseverbot machte ein Entrinnen aus Deutschland quasi unmöglich; gleichzeitig begannen die Nazis mit der Deportation der jüdischen Bevölkerung.

Hunderte von antijüdischen Gesetzen und Maßnahmen, die zur kontinuierlichen Entrechtung der Juden führen, machen auch Gertrude Sandmann das Überleben immer schwerer. Ab Januar 1939 muss sie ihren zweiten "germanischen" Vornamen Tusnelda, der wohl der Vaterlandsliebe der Eltern geschuldet war, durch den Zwangsnamen "Sara" ersetzen und ab September 1941 den Judenstern tragen, der die Ausgestoßene weithin sichtbar macht und Beschimpfungen auf der Straße ausliefert. Sie muss Schmuck und Wertsachen abgeben und - die Perfidie nimmt kein Ende - die Bußzahlung von einer Milliarde Mark für die Schäden der Pogromnacht von 1938 mit bezahlen. Nur ihr äußerst schlechter Gesundheitszustand bewahrt sie davor, zur Zwangsarbeit dienstverpflichtet zu werden. Im Sommer 1942 werden ihr einziger Onkel, Arthur Wolffgang, und ihre Tante ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie beide umkommen. Die jüdische Bevölkerung von Berlin, die 1933 160 000 Menschen zählte, ist durch Vertreibung und Deportation bereits auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Zahl reduziert worden.

Im November 1942 ist Gertrude Sandmann, da sie keine Zwangsarbeit leistet, sich somit nicht als "nützlich" erweist, unmittelbar von der Deportation bedroht. Nachdem es ihr nicht gelang, eine Einreiseerlaubnis zu ihrer Schwester nach Italien zu bekommen, entschließt sie sich, den einzigen noch verbliebenen Ausweg zu nehmen und unterzutauchen. Am 21. November 1942 flieht sie aus ihrer eigenen Wohnung und hinterlässt der Gestapo, die bald vor der Tür stehen und alles ausrauben wird, einen Abschiedsbrief, in dem sie ihren Selbstmord ankündigt - eine Verzweiflungstat, die in jenen Tagen unter der in die Enge getriebenen jüdischen Bevölkerung keine Seltenheit ist.

Um diesen Entschluss glaubwürdig aussehen zu lassen, muss sie alles in ihrer Wohnung zurücklassen, inklusive der damals bereits lebenswichtigen Lebensmittelkarten - die allerdings sowieso nicht ausreichten, wurde ihr als Jüdin doch nur ein Fünftel der üblichen Ration zugestanden. Ohne die Hilfe ihrer Freundinnen, die unter Lebensgefahr zum Helfen bereit sind, wäre ein Untertauchen damals unmöglich gewesen. Doch Gertrude Sandmann hat Glück: Ihre Freundin, die Kunstgewerblerin Hedwig ("Johnny") Koslowski, seit 1927 mit Gertrude Sandmann liiert, lässt ihre Lebensgefährtin nicht im Stich - wahrlich keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der viele "Mischehen" und Partnerschaften durch den äußeren Druck zerbrechen.

Hedwig Koslowski "organisiert" einen Unterschlupf bei der befreundeten Familie Grossmann in Berlin-Treptow. In einer winzig kleinen Kammer hält Gertrude Sandmann sich verborgen, lebt von dem, was Frau Grossmann von ihrer Essensration abzweigt und was Hedwig Koslowski besorgen kann. Was es heißt, monate-, ja jahrelang im Versteck zu leben, hat Anne Frank in ihrem Tagebuch eindringlich beschrieben. Auch Gertrude Sandmann muss jedes Geräusch in der hellhörigen Wohnung vermeiden, darf nicht ans Fenster treten und die Wohnung nie verlassen, auch nicht während der schwersten Bombenangriffe, denen sie schutzlos ausgeliefert ist. Nur durch Autogenes Training kann sie diese Zeit äußerster Anspannung überstehen. Bis zu ihrem Lebensende konnte ein unverhofftes Klopfen an der Tür oder das Klingeln des Telefons Gertrude Sandmann in Angst und Schrecken versetzen und nächtliche Alpträume heraufbeschwören.

Im Sommer 1944, nach anderthalb Jahren des Eingesperrtseins, wird die Situation für sie immer unerträglicher. Auch möchte sie die Grossmanns nicht länger gefährden, denn wenn bei einem Bombeneinschlag entdeckt worden wäre, dass sie eine Jüdin in ihrer Wohnung versteckten, hätten sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen - Gefängnis oder KZ. Wieder gelingt es Hedwig Koslowski, einen Unterschlupf zu organisieren, diesmal in einer unbewohnten Laube in Biesdorf. Feuer und Licht darf sie wegen der Nachbarn nicht machen. Hedwig Koslowski und die langjährige Freundin Gertrude Sandmanns aus den zwanziger Jahren, Susy Hermans, versorgen die Untergetauchte mit Essen. Da sie längst nicht mehr zeichnen kann, deklamiert sie Gedichte und trainiert ihr Gedächtnis, um nicht den Verstand zu verlieren. Im Herbst macht die einsetzende Kälte eine erneute Flucht nötig; diesmal nimmt Hedwig Koslowski die Freundin mit in ihre eigene Wohnung in Schöneberg, die sie mit einer anderen Kunstgewerblerin teilt. Dort erlebt Gertrude Sandmann, auf siebzig Pfund abgemagert, die Befreiung durch die alliierten Truppen. Endlich kann sie - und etwa 1700 andere Berliner Jüdinnen und Juden, die ebenfalls als sogenannte "U-Boote" im Untergrund überlebten - wieder aufatmen. Endlich hat die jahrelange Angst vor der Entdeckung und ihren tödlichen Folgen ein Ende, wenn sie sich auch in der Illegalität schwere gesundheitliche Schäden zugezogen hat.

Mit Hilfe ihrer Freundin findet Gertrude Sandmann bald eine Wohnung und ein Atelier in der Eisenacher Straße in Schöneberg, ihr Domizil bis zu ihrem Lebensende. Bald fängt sie wieder zu zeichnen an. "Ich habe nicht mehr so viel Lebenszeit - wenn es doch Zeit zu kaufen gäbe", umschreibt sie einmal ihren Wunsch, die geraubte Zeit und Schaffenskraft ersetzen zu können. Es scheint jedoch, dass sich die Jahre im Untergrund thematisch kaum auf ihr Schaffen ausgewirkt haben; es überwiegen nach wie vor die Frauendarstellungen. "Aber das Vitale, Kräftige ist durch die Kriegseindrücke gebrochen worden", meint Jürgen Lohse, der Gertrude Sandmann 1957 kennen lernte und bis zu ihrem Tod mit ihr befreundet war, zu den Auswirkungen jener mörderischen Jahre.

Zwar ist sie bei mehreren Nachkriegsausstellungen - 1949, 1958 und 1968 - mit Bildern vertreten; doch nur einmal, 1974, werden fünfundvierzig neuere Arbeiten in einer Einzelausstellung in der Düsseldorfer Galerie Vömel gezeigt. "Es gibt Arbeiten der reinen Freude neben dem Schweren; und immer wieder faszinieren sie die einfachen Gegenstände des täglichen Umgangs", schreibt Eva Kollwitz in der Ausstellungsbroschüre. "Eine Eierschale schimmert wie Mondlicht, eine Frucht vermittelt das sinnliche Erlebnis des Schmeckens."

Anlässlich einer Kollektivausstellung 1968 im Schöneberger Haus am Kleistpark, auf der über siebzig ihrer Bilder gezeigt wurden, stellte der Tagesspiegel-Kritiker Albert Buesche zu Recht verwundert fest, dass Gertrude Sandmann, eine "Zeichnerin von Berufung", kaum bekannt sei, obwohl sie in den Nachkriegsjahrzehnten unermüdlich künstlerisch tätig gewesen sei. Zum geringen Bekanntheitsgrad der Künstlerin hat sicherlich auch beigetragen, dass Gertrude Sandmann es ablehnte, "um jeden Preis" auszustellen. Um die künstlerische Qualität nicht zu gefährden, sollte die Arbeit auch möglichst nicht der Existenzsicherung dienen müssen - eine "Lektion", die ihr einst Käthe Kollwitz erteilt hatte.5

Eine geringe finanzielle Entschädigung für das während der NS-Zeit erlittene Unrecht ermöglicht ihr nach dem Krieg ein bescheidenes Auskommen. Nach der Trennung von Hedwig Koslowski 1956 teilt sie ihr Leben mit der früheren Zirkusartistin Tamara Streck, die sich als Kraftfahrerin verdingt. Während Gertrude Sandmann einst im Untergrund um ihr Überleben zitterte, hatte Tamara Strecks Leben als Nichtjüdin eine andere Wendung genommen; im Rahmen der "künstlerischen Truppenbetreuung" vollführte sie Kunststücke auf dem Trapez.

Die Initiativen der Anfang der siebziger Jahren entstehenden Neuen Frauenbewegung verfolgt Gertrude Sandmann mit regem Interesse, und sie unterstützt verschiedene West-Berliner Frauenprojekte, so etwa die Frauengalerie Andere Zeichen. Aufgrund ihrer Erfahrungen in den zwanziger Jahren weiß sie, wie wichtig Treffpunkte und Gruppen für lesbische Frauen sind. "Die Clubs, die heute geschmähte 'Subkultur', waren damals der erste Anlauf, die erste und einzige und sehr begrüßte Möglichkeit, mit gleichveranlagten Frauen zusammenzukommen und sich aus der Isolierung zu befreien - ein sehr wichtiger Anfang!" schrieb sie einmal über die Bedeutung der Clubs für die Identitätsfindung in ihrer Jugendzeit. "Es war ein großes befreiendes Erlebnis zu sehen, dass wirklich so viele andere Frauen ebenso sind wie man selbst. Man kam in den Club wie 'nach Hause', da gehörte man hin."6

Aufgrund ihrer relativ privilegierten Situation als Künstlerin fühlte sie sich verpflichtet, "bei jeder Gelegenheit für die Gleichveranlagten einzutreten", und so setzt sie sich im November 1974, selbst bereits einundachtzig Jahre alt, mit der befreundeten Kitty Kuse für die Gründung der Gruppe L74 ein, der ersten Nachkriegsorganisation älterer lesbischer Frauen in Berlin. Gertrude Sandmann gehörte auch zu den gelegentlichen Mitarbeiterinnen der von dieser Gruppe herausgegebenen Zeitschrift, der UKZ (Unsere Kleine Zeitung); ihre Zeichnung "Liebende" zierte jahrelang das Titelblatt dieser Zeitschrift, die im Übrigen heute noch erscheint.*

Im Oktober 1979 stirbt Tamara Streck an einer Lungenentzündung und einer berufsbedingten Arthritis. Der frühe Tod der wesentlich jüngeren, 1915 geborenen Lebensgefährtin nimmt Gertrude Sandmann, die selbst krebskrank ist, die psychische Kraft zum Weiterleben. Ihre Willensstärke, die ihr so vieles durchzustehen half, ist gebrochen; sie lehnt es ab, sich lebensverlängernden Therapien zu unterziehen. Gertrude Sandmann, die mit ihrer Kunst "mehr Menschlichkeit bewirken" und "Brücken von Mensch zu Mensch" bauen wollte, stirbt im Januar 1981.



© Claudia Schoppmann (Berlin 2013)



Der Text ist eine leicht veränderte Fassung aus:
Claudia Schoppmann: Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im "Dritten Reich". Berlin: Orlanda Frauenverlag 1993.

Online-Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Nachtrag zu zwei Ausstellungen und neuen Publikationen:

Ausstellungen:
2009 und 2011 fanden zwei Ausstellungen zum Werk von Gertrude Sandmann statt:
2009 in Potsdam und 2011 in Berlin-Schöneberg, Haus am Kleistpark:
"Vom Sehen und Leben. Gertrude Sandmann, Retrospektive einer Künstlerin und Zeitzeugin", kuratiert von Dr. Anna Havemann.

Publikationen:
Bührmann, Traude: Gertrude Sandmann. o.J. Online. Portal Frauen Biografieforschung.
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/gertrude-sandmann/
Havemann, Anna: Gertrude Sandmann. Künstlerin und Frauenrechtlerin, Jüdische Miniaturen Bd. 106. Berlin: Verlag Hentrich & Hentrich
2011.


* Die hier erwähnte Zeitschrift UKZ erschien von 1975 bis 2001. Vgl. Bornemann, Eva/Trachsel, Helga: Gruppe L 74 und die Zeitschrift UKZ (Unsere Kleine Zeitung). In: Dennert, Gabriele/Leidinger, Christiane/Rauchut, Franziska (Hrsg.): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Unter Mitarbeit von Stefanie Soine. Berlin: Querverlag 2007, S. 77-79. sowie Trachsel, Helga: Vom Lesben-Zeitungsmachen. Anfang, Verlauf und Ende einer Langzeitbeziehung. In: ebd., S. 238f. Anmerkung der Herausgeberinnen des Portals lesbengeschichte.de

Abbildung: Gertrude Sandmann: Liebende; Cover der UKZ 4, 1976


Sandmann: Liebende, Cover UKZ 4, 1976
Zitiervorschlag:
Schoppmann, Claudia: "Finden sie mich oder finden sie mich nicht" Gertrude Sandmann (1893-1981) [online]. Berlin 2013. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/bio_sandmann_d.html> [cited DATE]. Also available in print version: Schoppmann, Claudia. Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im "Dritten Reich". Berlin: Orlanda Frauenverlag 1993.




1 Gertrude Sandmann: "Die Situation der Frau als bildende Künstlerin", in: Unsere Kleine Zeitung (UKZ) 2.Jg. 1/1976, S.25.


2 Gertrude Sandmann in einem Interview mit Cäcilia Rentmeister, Februar 1977. Zit.n. Marcella Schmidt: "Gertrude Sandmann (1893-1981)", in: Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950. Berlin 1984, S.206.


3 Ebd., S.207.


4 Gertrude Sandmann: "Anfang des lesbischen Zusammenschlusses: die Clubs der zwanziger Jahre", in: UKZ 2.Jg. 7+8/1976, S.4.


5 "Gertrude Sandmann über Käthe Kollwitz", in: Käthe Kollwitz. Briefe der Freundschaft und Begegnungen. München 1966, S.158-161.


6 UKZ 2.Jg. 7+8/1976, S.6.