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Felice (Rachel) Schragenheim


geboren am 9.3.1922 in Berlin - umgekommen im März 1945 im KZ Bergen-Belsen


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Theater

: Es stimmt, dass es Theater ist, das Leben,
doch Hauptdarsteller sind wir nicht geblieben;
an Auserwählte werden Rollen nur vergeben,
wir andern dürfen die Kulissen schieben."

Felice Schragenheim, Mai 1938
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Sie hatte vier Spitznamen: In der Familie hieß sie "Lice", "Fice" oder "Putz", und in ihrer letzten Beziehung wurde sie "Jaguar" genannt. "Jaguar" dürfte das bekannteste Kosewort aus einer lesbischen Liebesgeschichte im Nationalsozialismus sein. Denn Felice Schragenheims Biographie wurde auf der Grundlage von Erica Fischers erfolgreichem Buch "Aimée und Jaguar" (1994) 1999 zum gleichnamigen Kinospielfilm von Max Färberböck.

Felice Schragenheim wächst in Berlin mit einer Schwester auf. Ihre Eltern betreiben eine zahnärztliche Praxis im Tiergarten. Die Tochter möchte Journalistin werden oder Schriftstellerin, wie ihr Onkel Lion Feuchtwanger (1884-1958). Die Nazis durchkreuzen allerdings ihre Pläne: Als Mädchen muss sie die Entrechtung und beginnende Verfolgung von Jüdinnen und Juden erleben. Über einzelne Verbote wie das, als Jüdin schwimmen zu gehen, setzt sie sich mit ihren Freundinnen hinweg; der Zwangsarbeit ab März 1941 in einer Flaschenverschlussfabrik kann sie jedoch nicht entkommen. Ihre Ausreisepläne scheitern.
Anfang Oktober 1942, im Alter von zwanzig, erhält sie einen Deportationsbefehl. Sie täuscht einen Suizid vor und taucht unter. Eine nichtjüdische Freundin, Ursula Schaaf, versteckt sie; zahlreiche Wohnungswechsel folgen. Felice Schragenheim lebt vom Verkauf geretteter Wertgegenstände ihrer Familie.

Ursula Schaaf ist "Pflichtjahrmädchen" im Privathaushalt von Elisabeth "Lilly" Wust (1913-2006), die mit ihren vier Söhnen in Berlin-Schmargendorf lebt und Mutterkreuzträgerin ist. Ihr Ehemann ist als Soldat an der Front. Als Felice Schragenheim sich im November 1942 von Ursula Schaaf vorstellen lässt, verliebt Lilly Wust sich nichtsahnend in die äußerst charmante junge Frau, die sich "Felice Schrager" nennt. Im März 1943 zieht sie bei Lilly Wust ein, bei ihrer "Aimée", ihrem "Katzentier". Kurz darauf offenbart sie der typischen NS-Mitläuferin, dass sie eine untergetauchte Jüdin ist. Wust lässt sich von ihrem Mann scheiden.

Nachdem ihr ein Coup gelungen ist, beteiligt sich Felice Schragenheim am Widerstand: Seit Sommer 1944 arbeitet sie unter falschem Namen im NS-Organ "National-Zeitung" und gibt die dort gehörten Frontverläufe und Nachrichten über die militärische Lage an Freunde im Untergrund weiter.

Nach einem Badeausflug mit Lilly Wust an der Havel wird Felice Schragenheim am 21. August 1944 von der Gestapo festgenommen. Die Stationen ihrer Verschleppung sind: ein Sammellager in Berlin, am 8. September 1944 das "Altersghetto" Theresienstadt (Terezín) und am 9. Oktober 1944 Auschwitz (Oswiecim), von dort aus ein Fußmarsch nach Groß-Rosen (Rogo?nicy). Vermutlich kommt Felice Schragenheim im März 1945 - kurz vor der Befreiung des Lagers - im KZ Bergen-Belsen ums Leben.

Die Beziehung zwischen den beiden Frauen ist aufgrund der Verfolgungssituation auch von Abhängigkeit geprägt. Frühere Freundinnen von Felice Schragenheim wie Elenai Predski-Kramer erheben außerdem schwere Vorwürfe gegen Lilly Wust: Aus wessen Besitz stammt das Foto, mit dem Felice Schragenheim an die Gestapo verraten wurde? Hat Wust mit ihren Besuchen in den Lagern ihre Freundin in zusätzliche Gefahr gebracht? Nach dem Schweigen Lilly Wusts und nach ihrer Mitschuld fragt auch die Biographin Erica Fischer. Vor dem Haus von Felice Schragenheims letztem Versteck in der Wohnung von Lilly Wust in der Friedrichshaller Straße 23 in Berlin-Schmargendorf liegt ein Stolperstein. Außerdem wurde - wohl erstmals für eine lesbische Jüdin - etwa 2009 ein Gedenkstein für Felice Schragenheim auf dem Gelände in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen gelegt. Gestiftet hat ihn die Familie von Schragenheims nach England entkommener Schwester Irene Cahn (1920-1977).



Christiane Leidinger (Berlin 10/2013)



Zitiervorschlag:
Leidinger, Christiane: Felice Schragenheim (1922-1945) [online]. Berlin 2013. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/bio_schragenheim_d.html> [cited DATE].




1 Felice Schragenheim zit.n.: Fischer, Erica: Das kurze Leben der Jüdin Felice Schragenheim. "Jaguar" Berlin 1922 - Bergen-Belsen 1945. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002, S. 43.



Literatur (chronologisch absteigend)

Wäldner, Christian-Alexander/Schoppmann, Claudia: Erstmals Erinnerungsort in einer Gedenkstätte. In: Invertito - Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten. Hamburg: Männerschwarm Verlag. Jg. 11, 2009, S. 145. Online: URL http://www.lesbengeschichte.de/ns_gedenkorte_d.html

Fischer, Erica: Das kurze Leben der Jüdin Felice Schragenheim. "Jaguar". Berlin 1922 - Bergen-Belsen 1945. Unter Mitarbeit von Christel Becker-Rau. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2002.

Fischer, Erica: Aimée & Jaguar: Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2005 [1994].

Sperber, Katharina: Eine andere Version: Schmerzhafte Erinnerungen einer Überlebenden. Elenai Predski-Kramer, mit der im KZ ermordeten Felice Schragenheim befreundet, erzählt eine andere Version von "Aimee und Jaguar". In: Frankfurter Rundschau vom 7.1.2003. Online: URL: www.berlin-judentum.de/frauen/predski.htm.

Dischereit, Esther: Die Geschichte hinter der Geschichte von Aimée und Jaguar: Zwischen Abhängigkeit, Prostitution und Widerstand. haGalil 10-99. Online: www.hagalil.com/archiv/99/10/jaguar.htm.