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Mentona Moser (1874-1971), Clara Willdenow (1856-1931),
Pauline Bindschedler (1856-1933)


Mentona Moser stammte aus einem der reichsten Häuser der Schweiz. Bevor sie 1919 der Kommunistischen Partei beitrat, trug sie sich mit dem Plan zu studieren, wandte sich dann aber über die Londoner Settlement-Bewegung der Sozialarbeit zu. Sie gehört zu den Initiantinnen der ersten Fürsorgekurse für Frauen, aus denen später die Soziale Frauenschule, die Vorläuferin der Schule für Soziale Arbeit, hervorging. In dieser Zeit lebte sie vorwiegend in Zürich – bei einem Frauenpaar. Mit Clara Willdenow, der einen der beiden, war sie liiert, mit der anderen befreundet. Die Liaison dauerte etwa fünf Jahre, bis vor Mosers Heirat 1909.


Durch Mentona Mosers Autobiografie, in welcher diese Zeit leicht verschlüsselt vorkommt, ist es möglich, einen Blick auf eine Jahrhundertwende zu werfen, der so bei allen anderen Frauen nicht gewährt wird. Erstens verwendet sie den Begriff «lesbische Liebe» – allerdings nur in der Fassung des Textes, der in der Schweiz publiziert wurde, in der DDR-Fassung fehlen diese Passagen –, etwas, was in zeitgenössischen Quellentexten nicht zu finden ist, da diese Bezeichnung noch nicht üblich war. Zweitens hat sie keine Berührungsängste, zeigt sich also als wahrhaft «sexuell emanzipierte Kommunistin», die es nicht nötig hat, diesen Teil ihres Lebens zu negieren.


Durch sie wird die Vermutung bestätigt, dass es um die Zeit Affären, Liebschaften und Beziehungen unter Frauen gab, die wir heute als lesbisch bezeichnen würden: „... sie fühlte sich zwar als Mann, war aber auch im lesbischen Sinne kein Mann. Sehr verliebt – und sehr eifersüchtig. Wir lebten in einem Sinnesrausch, der jahrelang anhielt.» Darüber hinaus vermittelt sie ein Bewusstsein der Zugehörigkeit. Oscar Wildes «Bildnis des Dorian Gray“ bezeichnet sie als beeindruckendstes Buch jener Zeit: „Der Inhalt entsprach der Atmosphäre, in der ich lebte, obgleich das Problem der Liebesbeziehungen zwischen Männern mir neu war. /.../ Ich gewann Einblick in das tragische Los, das den wenigsten Homosexuellen erspart bleibt.“ Sie las auch die Akten des Wilde-Prozesses von 1895, die sie aufwühlten.
Dennoch pflichtete sie den Massnahmen gegen Homosexuelle in der Sowjetunion der 30er-Jahre bei und vertrat die verbreitete Ansicht, es handle sich um eine bürgerliche Zerfallserscheinung, die wie eine Seuche um sich greife, wenn man sie nicht bekämpfe.


In den Augen der engagierten Mentona Moser war die Ärztin und Ästhetin Clara Willdenow eine Egoistin. Sie schreibt: „Für Fragen der Gegenwart und Zukunft zeigte meine Freundin nicht das geringste Interesse, sozialen Problemen gegenüber verhielt sie sich geradezu ablehnend, im Verkehr mit ‚Niedrigstehenden’ benahm sie sich liebenswürdig, aber nur im Sinne von ‚Vornehmheit verpflichtet’, denn sie war ein ausgesprochener Herrenmensch und machte daraus keinen Hehl.“
Für Agnes Bluhm, eine Zürcher Studienkollegin Willdenows, gehörte Clara Willdenow zu den ‚nicht nur intelligenten, sondern gleichzeitig vielseitig interessierten Persönlichkeiten’, die sie beeindruckten und deren Nähe sie suchte, als sie im Winter 1884 in Zürich neu war. Agnes Bluhm und Mentona Moser betonen beide ihren Charakterkopf und apostrophieren Clara Willdenows Aussehen als ‚männlich’ – Agnes Bluhm in etwas tadelnder Weise, denn Studentinnen hatten damals darauf zu achten, nicht unliebsam aufzufallen, was Willdenow nach Bluhm unbeachtet liess. Friedrich Nietzsche, zu dessen Zürcher Kreis Willdenow gehörte, hat laut Agnes Bluhm Willdenows unbewusste Selbstgefälligkeit mit bewundernswerter Nachsicht ertragen. Clara Willdenow wird denn auch von seiner Schwester in deren Buch ‚Friedrich Nietzsche und die Frauen’ unter ‚Freundliche Begegnungen’ aufgeführt.
Ein weiterer Aspekt ihrer Person lag im Genuss und der Verehrung der griechischen Antike – Clara Willdenow las und schrieb Griechisch, hatte eine klangvolle Stimme, liebte das Deklamieren und pflegte es zu beklagen, dass es ihr verunmöglicht gewesen sei, Schauspielerin zu werden, da sie keine Frauenrollen hätte spielen wollen.


Clara Willdenow aus Bonn begann ihr Medizinstudium 1884 in Zürich und schloss es in Bern 1893 mit einer Dissertation ab. Vier Semester studierte sie in Bern mit Anna Eysoldt zusammen und befreundete sich mit ihr. Mit deren Mann nahm Willdenow am 12. 1. 1895 in Zürich an Käthe Schirmachers Promotionsfeier teil. Eingeladen waren ausserdem die Studentinnen Anita Augspurg und Rosa Senger, das Ehepaar Maria und Franz Blei sowie Margarethe Böhm, Schirmachers damalige Begleiterin. An dieser Feier machte Clara Willdenow ihrem Literatur- und Kunstsinn Ehre: Sie hielt eine launige Rede über die Entwicklung der Käthen in der Weltliteratur, während Augspurg und die Bleis sich für eine Parodie der Doktorprüfung vorbereiteten. Als „prakt. Arzt für Frauenkrankheiten und Geburtshülfe“ eröffnete Clara Willdenow 1895 in der Nähe des Bellevues ihre Praxis, wo sie im Jahr drauf ein Telefon installieren liess. Ab 1900 ist sie samt Telefon mit Pauline Bindschedler zusammen an der Seefeldstrasse 21 gemeldet, wo sich 1904 auch Mentona Moser einfand. 1905 zogen sie zu dritt an die Kreuzstrasse 44 um.
In dieser Wohngemeinschaft herrschte ein Kommen und Gehen interessanter Gäste aus dem In- und Ausland, wie Mentona Moser beschreibt. Sie befreundete sich mit einigen davon, besonders aber mit Pauline Bindschedler – der Lebensgefährtin Willdenows und jüngeren Schwester von Ida Bindschedler (der späteren Autorin der „Turnachkinder“) –, eine Bindung, die den Bruch mit Willdenow überdauerte. Pauline Bindschedler führte den Haushalt. Weiter war sie in der Zürcher Sektion des Schweizerischen Frauenverbands, der Fraternité, engagiert. Der Verband wurde von Caroline Farner von 1886–91 präsidiert. Von 1890–94 gab diese auch das monatlich erscheinende Verbandsorgan Die Philanthropin heraus, in welchem Pauline Bindschedler zeitweilig als Aktuarin des Vereins für die Verbandsnachrichten zuständig war. In diesem Verein betätigte sich Willdenow tatsächlich nicht, machte aber für Caroline Farner 1894 eine Praxisvertretung. Hingegen ist sie bei der Gründung der Union für Frauenbestrebungen als Vorstandsmitglied vermerkt, was entweder von einer Tätigkeit im Verein Schweizerische Frauenbildungsreform oder im Rechtsschutzverein herrührte, denn der neue Vorstand bildete sich aus Mitgliedern dieser zwei Vereine. Der Reform war u. a. von Anita Augspurg mitbegründet worden und setzte sich für die uneingeschränkte Gleichbehandlung von Frauen und Männern auf dem Erziehungs- und Bildungssektor ein. Massgeblich für seine Entwicklung war die kontinuierliche Arbeit der Lehrerin und Schuldirektorin Emma Boos-Jegher, aber auch etliche Zürcher Studentinnen und Ehemalige engagierten sich in diesem Verein, der sich 1896 mit dem von Emilie Kempin gegründeten Rechtsschutzverein zur Union für Frauenbestrebungen zusammenschloss. Gemessen an der Grösse anderer Zürcher Frauenvereine war die Union ein Nichts. Sie war aber der wohl fortschrittlichste Zürcher Frauenverein, mitbeteiligt am ersten Schweizer Frauenkongress 1896 in Genf und an der Gründung des Bundes Schweizerischer Frauenvereine (BSF). Die Union verzeichnet auf ihren Vortragslisten, vor allem für die öffentlichen Vorträge, viele Frauen und Männer sozialkritischer, feministischer oder sozialistischer Provenienz, darunter auffallend häufig ehemalige Studentinnen und auffallend häufig Frauen, die mit Frauen lebten.


In der Familiengeschichte der Bindschedlers nimmt Pauline Bindschedler einen Aussenseiterinnenplatz ein. Im Stammbaum fehlt ihr Todesjahr, zudem wird ihr der Platz im Buch ihrer Schwester Ida als eines der Turnachkinder streitig gemacht. (Die Bindschedlers hatten ein Kind mehr als die Turnachs, deshalb ist in den Büchern „Die Turnachkinder im Sommer“ und „Die Turnachkinder im Winter“ ein Bindschedlerkind überzählig – die einen meinen, es sei die Älteste, die Halbschwester Emma, die zur Zeit der Abfassung von Ida Bindschedlers Büchern bereits gestorben war, andere sagen, es sei Pauline.) 1998, als es im Zürcher Tagblatt um die Bindschedlers bzw. Turnachs ein Rätselraten gab, meldete sich eine Nachfahrin Pauline Bindschedlers zu Wort. Sie wies eindeutig Pauline den Platz als Lotti Turnach zu – die flinkere, kleinere, übermütigere der Schwestern –, Ida hingegen habe sich in Marianne Turnach, der Stilleren, Vernünftigeren, abgebildet. Die Halbschwester blieb nach ihr unporträtiert.


Die beiden Schwestern wohnten bis zu Ida Bindschedlers Berufsaufgabe zusammen in der Wohnung, in die später Clara Willdenow zog. Ida Bindschedler ging 1897 zu ihrer Freundin Emma Wachter nach Augsburg, wo sie die Bücher schrieb, mit denen sie bekannt wurde. Die beiden lebten bis zu Ida Bindschedlers Tod zusammen.
Pauline Bindschedler und Clara Willdenow zogen noch einmal um. Insgesamt lebten sie 31 Jahre zusammen.



© Regula Schnurrenberger (Zürich 2002)


Zum Weiterlesen:


- Chratz & Quer. Sieben Frauenstadtrundgänge in Zürich, Limmat Verlag, Zürich 1995, u. a. S. 195/96, 254/55, 273/74 u. 290/91


- Agnes Bluhm: Dank an meine Studienzeit. In: Die Ärztin, Berlin 1941, S. 527-535. - M. S. Metz: Wer waren die Turnachkinder? Eine Studie, Metz-Verlag, Zürich 1962


- Mentona Moser: Unter den Dächern von Morcote. Meine Lebensgeschichte, Dietz Verlag, Berlin 1985; -


Dies.: Ich habe gelebt, Limmat Verlag, Zürich 1986.


Quellennachweise:


- Annie Hofmann: Union für Frauenbestrebungen Zürich, 1893-1928, Zürich 1928, S. 24/25 u. 49


- Regula Schnurrenberger: «Die keusche Blume der Freundschaft»? Ida und Pauline Bindschedler. In: die. Lesbenzeitschrift, Nr. 13, Herbst 1999, S. 14-17.


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Zitiervorschlag:
Schnurrenberger, Regula: Mentona Moser (1874-1971), Clara Willdenow (1856-1931), Pauline Bindschedler (1856-1933) [online]. Zürich 2002. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/bio_willdenow_d.html> [cited DATE].