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Christa Winsloe (1888-1944)


Christa Winsloe © Renate von Gebhardt

"Was Sie Sünde nennen, nenne ich den großen Geist der Liebe, der tausend Formen hat." Mit diesen Worten ergreift Fräulein von Bernburg in dem Internatsfilm-Klassiker "Mädchen in Uniform" Partei für ihre Schülerin Manuela von Meinhardis. Doch die strenge Schulleiterin, ein weiblicher Alter Fritz, ist da ganz anderer Meinung.


Für sie ist Manuelas öffentlich verkündete Liebe zu ihrer warmherzigen, verständnisvollen Lehrerin krankhaft. Gott bewahre, dass andere Schülerinnen mit dieser modernen "Pest" angesteckt werden! Für ihre Rebellion gegen die preußische Ordnung und ihre Liebesbeteuerungen wird Manuela mit strikter Isolierung bestraft. Verzweifelt und im Stich gelassen, wie sie sich fühlt, will Manuela sich das Leben nehmen. Sie setzt an zum Sprung übers Treppengeländer – und wird in letzter Sekunde von ihren Mitschülerinnen und der herbeieilenden Lehrerin gerettet. Ein Sieg der Liebe – lesbischer Liebe – über preußischen Drill und Kadavergehorsam?


Christa Winsloe, am 23. Dezember 1888 in Darmstadt geborene Offizierstochter, kam nach dem frühen Tod ihrer Mutter als Zögling in das Potsdamer Kaiserin-Augusta-Stift. Hier sollten adelige junge Mädchen zu zukünftigen Soldatenmüttern gedrillt werden, hier sollten sie Zucht, Ordnung und Unterordnung lernen. Als Erwachsene musste sich Winsloe diesen Alptraum von der Seele schreiben. Das Resultat, ein Theaterstück, endet jedoch nicht tendenziell positiv wie der Film. Manuela zerbricht vielmehr an der Zurückweisung durch Fräulein von Bernburg, die es nicht wagt, für Manuela einzustehen und gegen die Oberin und ihre brutalen Erziehungsmethoden zu opponieren. Die Schülerin begeht Selbstmord. Trotz dieses tragischen Endes ist es Christa Winsloes Verdienst, weibliche Homosexualität in der Weimarer Republik erstmals einfühlsam auf der Bühne dargestellt zu haben – auch wenn eine radikale Kritik an der gesellschaftlichen Diskriminierung lesbischer Frauen unterbleibt.
Der Erfolg dieses 1930 uraufgeführten Stückes – in Leipzig unter dem Titel Ritter Nérestan, dann in Berlin als Gestern und heute – führte 1931 zu seiner Verfilmung: Mädchen in Uniform avancierte zum besten Film der Weltproduktion dieses Jahres. Dieser Erfolg beruhte wohl nicht nur auf der anspruchsvollen ästhetischen Gestaltung und der Tatsache, dass ausschließlich Frauen vor der Kamera standen. Hinzu kam, dass die lesbischen Aspekte für die Leinwandversion reduziert wurden und sich als kindlich-pubertäre Schwärmerei abtun ließen. Zwar schrieb Winsloe am Drehbuch mit und Leontine Sagan, die zuvor schon Gestern und heute inszeniert und dabei die lesbischen Aspekte betont hatte, führte Regie; die "künstlerische Oberleitung" lag jedoch bei dem Regisseur Carl Froelich. Dieser änderte nicht nur den Schluss, er rückte auch die Kritik am preußischen Erziehungsgeist und am Militarismus in den Vordergrund. Zeitgenössische Kritiken bestätigen diese verkürzte, sexualpolitisch entschärfte Sichtweise. So schrieb Lotte Eisner kurz nach der Premiere im November 1931 im Film-Kurier: "Das fast Unglaubliche, hier wird's Ereignis: ein Film, in dem nur Frauen agieren, packt, weil dieser Film alle angeht, weil er ein menschliches Thema sozial ausschöpft, unsentimental, über private Belange hinaus. Es geht um Menschentum, um Hintergründe eines Systems. Vergangene Welt? Gestern und heute ist sie; wieder droht sie aufzustehen, zu überrennen, was gesunde Jugenderziehung einer neueren Zeit zu schaffen sucht. (...) Die unausbleiblichen Folgen der Internatsenge erweisen sich: die eine sucht die andere, aus Zusammenleiden wird Zusammenlieben in der Zeit des erwachenden Triebes. Pubertätswirren oder Gefühl zum gleichen Geschlecht – der Film läßt das offen, und das ist gut so (...)."
Mit dem Theaterstück und dem Film, der in ganz Europa, den USA und sogar in Japan gezeigt wurde, war Winsloe über Nacht weltberühmt geworden. Als Bildhauerin war sie bereits keine Unbekannte mehr: Gegen den Willen ihrer Familie hatte sie ab 1909 an der Münchner Kunstgewerbeschule das "unweibliche" Metier der Bildhauerei studiert und mit großer Leidenschaft insbesondere Tiere modelliert.
Mit der Heirat des vermögenden ungarischen Schriftstellers und Grundbesitzers, Baron Ludwig Hatvany (1880-1961), genügte sie 1913 den Konventionen. Nach Kriegsende und dem Scheitern der Ehe lebte sie wieder in München und fing – neben der Bildhauerei – bald auch an zu schreiben. Während ihre Feuilletons in Zeitungen und Zeitschriften wie der Vossischen, dem Berliner Tageblatt und dem Querschnitt erschienen, blieben ihre ersten Bühnenstücke jedoch unaufgeführt.
Nach Mädchen in Uniform widmete sich Christa Winsloe ganz dem Schreiben, und bereits 1932 hatte Schicksal nach Wunsch Premiere an den Berliner Kammerspielen. Hierin nimmt sie traditionelle Geschlechterbeziehungen aufs Korn, doch ihre Beschreibung einer lesbischen Figur, der Oberärztin Franziska "Franz" Schmitt, als "moderne alte Jungfer" bestätigte eher bestehende Vorurteile, als dass sie sie kritisierte.
Bald darauf schrieb Winsloe das "Buch zum Film", in dem sie jedoch das gemäßigte Happy-End des Films korrigierte. 1933 erschien Das Mädchen Manuela bereits im Ausland: in der neu gegründeten Abteilung für Exilliteratur des Amsterdamer Verlags Allert de Lange. Über einen Strohmann, den Wiener Tal Verlag, konnte Allert de Lange wenige Exemplare des Buches bis Anfang 1936 auch noch in Deutschland vertreiben. In viele Sprachen übersetzt, wurde es zum Bestseller. In Deutschland veröffentlichte die "aristokratische Rebellin" nichts mehr, denn die von Propagandaminister Goebbels Reichsschrifttumskammer diktierten Bedingungen ("Ariernachweis" u.a.) wollte sie nicht akzeptieren.
Nach Beginn des Dritten Reiches war Winsloe noch häufiger als sonst auf Reisen. Seit ihrer Heirat ungarische Staatsbürgerin und als Nichtjüdin nicht unmittelbar bedroht, half die Nazigegnerin bedrängten Menschen bei der Ausreise oder übernahm Kurierdienste. Das Jahr 1933 verbrachte sie mit ihrer Freundin, der amerikanischen Journalistin und Europa-Korrespondentin Dorothy Thompson (1894-1961), die schon früh vor Hitler gewarnt hatte und im August 1934 aus Deutschland ausgewiesen wurde, in Italien und den USA. Doch ihre Versuche, in Amerika als Schriftstellerin Fuß zu fassen, scheiterten. In Hollywood wurden ihre Filmskripts nicht angenommen, und das Schreiben in der fremden Sprache bereitete ihr Probleme. Müde und enttäuscht kehrte sie 1935 nach Europa zurück und pendelte in den nächsten Jahren zwischen Italien, Ungarn, Österreich und Deutschland.
Bald standen Winsloes sämtliche Schriften auf der Nazi-Liste des "unerwünschten Schrifttums"; ihre Autorin galt als "politisch unzuverlässig". Mädchen in Uniform, das Goebbels in seinem Tagebuch am 2. Februar 1932 noch als "fabelhaft gedrehtes, außerordentlich natürliches und mitreißendes filmisches Kunstwerk" gelobt hatte, durfte nicht mehr in Deutschland gezeigt werden. Frauenliebe war tabu, auch wenn sie nicht strafrechtlich verfolgt wurde.
Da die Publikationsmöglichkeiten im deutschsprachigen Raum rapide abnahmen, ließ Christa Winsloe ihr nächstes Buch, Life begins, gleich ins Englische übersetzen. Der autobiographisch gefärbte Roman erschien 1935, eine amerikanische Ausgabe folgte 1936 unter dem Titel Girl alone. Anhand der Entwicklung der Protagonistin Eva-Maria, einer jungen Bildhauerin in München, beschreibt die Autorin Identitätsprobleme lesbischer Frauen. Eva-Marias Selbstfindungsprozess und ihre Liebesbeziehung mit einer Frau stehen dem Ringen um künstlerische Anerkennung und Freundschaft mit Männern gegenüber.
In dem Roman Passeggiera dagegen, 1938 im Exilverlag Allert de Lange erschienen, verliebt sich die Protagonistin auf einer Schiffsreise von San Francisco nach Genua in einen der Seemänner und gibt, zumindest vorübergehend, ihre Unabhängigkeit auf. Das Motiv der Schiffsreise ist vielleicht ein Ausdruck für das Unstete von Winsloes damaliger Existenz, und im Scheitern der Protagonistin, einer Pianistin, die einen Neuanfang in den USA versucht hatte, zeigen sich Parallelen zur Situation der Autorin.
Im Herbst 1938 ergriff Winsloe die Chance, Deutschland für längere Zeit zu verlassen, auch wenn sie wieder einmal zur "Expertin für Mädchenfragen" verdonnert wurde. In Paris schrieb sie für den Regisseur Georg Wilhelm Pabst das Drehbuch zu dessen Film Jeunes filles en détresse (1939), in dem es um die Geschichte eines Kindes geht, dessen Eltern in Scheidung leben. Der Film hatte nur mäßigen Erfolg – und ein paar Tage nach der Premiere begann der Zweite Weltkrieg. Winsloe entschloss sich, vorläufig in Frankreich zu bleiben. Im Oktober 1939 zog sie nach Südfrankreich und ließ sich in Cagnes nieder, einem kleinen Ort in der Nähe von Nizza. Dort lernte sie Simone Gentet kennen, eine zehn Jahre jüngere Schweizerin, mit der sie in den folgenden Jahren zusammenlebte.
Ihre schriftstellerischen "Misserfolge der letzten Jahre", so klagte Winsloe in einem Brief vom Juli 1941 an Dorothy Thompson, seien zum größten Teil auf ihre "Wahlemigration" zurückzuführen. "Es ist keine Lust, deutsch zu schreiben, wenn man gedruckt werden will." Obwohl Simone Gentet einige Arbeiten für die Freundin ins Französische übersetzte, gab es im besetzten Frankreich kaum Chancen, etwas zu veröffentlichen. Dennoch war das Schreiben für Christa Winsloe enorm wichtig, verband sich mit ihm doch die Hoffnung auf ein Leben und Arbeiten nach dem Krieg. "Natürlich kommt man sich lächerlich vor, so den Kopf in den Sand unserer Fantasie zu stecken", räsonnierte sie 1944 in einem Brief an die Berliner Freundin und Schriftstellerin Hertha von Gebhardt (1896-1978), "aber es muß ja nach dem Krieg Bücher geben und auch Theaterstücke".
Bei zunehmender Lebensmittel- und Geldknappheit wurde die Existenzsicherung immer schwieriger. Dennoch kümmerte sich Winsloe um Flüchtlinge, die noch gefährdeter waren als sie. "Man muß helfen, wenn man kann", lautete ihr Motto. Inständig (und nicht vergeblich) bat sie Dorothy Thompson im März 1941 um Hilfe in Form von Lebensmittelpaketen und Geld: "Das wäre eine unsagbare Freude für einen Haufen blasser Menschen und ein paar Kinder von Gefangenen in Deutschland, um die ich mich zu kümmern übernommen habe."
Aufgrund eines drohenden Evakuierungsbefehls verließen Christa Winsloe und Simone Gentet Ende Februar 1944 die Cote d'Azur und fuhren nach Cluny im Burgund. Winsloe fasste den Plan, sich zu ihrer Schwägerin nach Ungarn durchzuschlagen. Kurz vor der Landung der alliierten Truppen in der Normandie erhielt sie schließlich das benötigte Durchreisevisum für Deutschland. Doch zur Reise kam es nicht mehr: Beide Frauen wurden am 10. Juni 1944 von vier Franzosen überfallen und in einem Wald in der Nähe von Cluny erschossen. Der Anführer der Bande, ein Viehhändler namens Lambert, berief sich später auf einen angeblichen Befehl der Résistance; beide Frauen hätten spioniert und mit der deutschen Besatzung kollaboriert. Obwohl dieser Vorwurf sich als völlig unhaltbar und Lambert als "gewöhnlicher Krimineller" erwies, wurden er und seine Mitangeklagten in einer Gerichtsverhandlung 1948 aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Von Mädchen in Uniform abgesehen ist fast alles, was Christa Winsloe geschrieben hat, heute nahezu unbekannt. Durch die Machtübernahme der Nazis und ihre "Wahlemigration" blieb vieles unveröffentlicht; zudem sind durch ihren tragischen Tod viele Texte verschollen. Darüber hinaus schrieb sie mehrere Bühnenstücke – ein Genre, in dem Autorinnen es im männerdominierten Literatur- und Theaterbetrieb besonders schwer hatten, sich durchzusetzen und aufgeführt zu werden.
Viele von Winsloes Texten enthalten eine kritische Auseinandersetzung mit der traditionellen Frauenrolle beziehungsweise den Geschlechterbeziehungen. Oft stehen die Selbstfindungsprozesse von Frauen und Mädchen im Mittelpunkt, die um ihre Identität ringen und sich in einer feindlichen Männerwelt zu behaupten suchen. So etwa in der im Ersten Weltkrieg in Ungarn spielenden Antikriegs-Erzählung Pischta, in der eine Frau als Mann verkleidet durch das Land zieht, um so den Nachstellungen der Soldaten zu entgehen. Oder in dem Bühnenstück Aino (1941), mit dem Winsloe die aktuelle Flüchtlingsproblematik aufgriff, und in dem sich ein finnisches Flüchtlingsmädchen als Junge verkleidete.
Wie bereits erwähnt, setzte sich die Autorin mehrmals literarisch mit weiblicher Homosexualität auseinander – nicht zuletzt aufgrund eigener (wenn auch nicht ausschließlicher) Frauenbeziehungen. In dem unveröffentlichten, im Jahr 1931 spielenden Bühnenstück Sylvia und Sybille steht die lesbische Thematik ganz explizit im Vordergrund. Sylvia, die 16-.jährige Tochter eines verwitweten Oberst, verliebt sich in Sybille, die junge, schöne Mutter eines Freundes. Obwohl Sybille Sylvias Liebe erwidert, bricht sie die Beziehung in letzter Sekunde ab – aus Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung und davor, ihren Sohn zu verlieren. Vielleicht schien es der Autorin gar zu gewagt, dieses Bühnenstück, das auch einen ungewöhnlichen Einblick in die homosexuelle Subkultur gibt, mit einem Happy-End zu krönen?
In dem 1935 in Hollywood verfassten Roman Die halbe Geige, der ebenfalls unveröffentlicht blieb, wirbt Christa Winsloe dagegen um Verständnis für homosexuelle Männer. Wenn diese sich aufgrund des gesellschaftlichen Drucks gezwungen sehen, eine Ehe einzugehen, machen sie nicht nur sich selbst, sondern auch nichts ahnende Frauen unglücklich. Sie sollen und dürfen also nicht gegen ihre "wahre Natur" leben, war Winsloes Fazit. "Ich bin so glücklich, wieder bei meinem Thema zu sein", schrieb sie an Dorothy Thompson während der Niederschrift des Romans. "Und ich fühle, daß ich nur dann gut bin. Diese Sache ist in einer Linie mit Manuela und meinem Buch ‚Life begins’."



© Claudia Schoppmann (Berlin 2005)


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Zitiervorschlag:
Schoppmann, Claudia:
Christa Winsloe (1888-1944) [online]. Berlin 2005. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL <http://www.lesbengeschichte.de/bio_winsloe_d.html> [cited DATE].